Zurück zu den Wurzeln

22. Juli 2005, 23:38
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Selbstversorgung als Lebenskonzept für den Ausstieg aus der Konsumwelt

Irmi Salzer und Klaus Standler leben mit drei Kindern auf einem Hof bei Oberwart. Das Haus mit knapp zwei Hektar Grund haben sie vor fünf Jahren gekauft. "Wir wollten unsere eigenen Ideen von Landwirtschaft verwirklichen", erinnert sich die akademisch geprüfte Landwirtin, die ihren Mann beim Studium an der Universität für Bodenkultur kennen gelernt hat.
Man engagierte sich politisch, war gegen Globalisierung und gegen die industrielle Erzeugung von Lebensmitteln. Irgendwann waren sie reif für etwas Eigenes. Zwei Jahre vor der Übersiedelung aufs Land haben sie Obstbäume und Beerensträucher gepflanzt und Gemüsebeete als Basis für die Selbstversorgung angelegt. Davon und vom staatlichen Kindergeld lebt die Familie heute.

Aussteiger? "Ich würde uns eher Einsteiger nennen – in die Landwirtschaft", sagt Salzer. Wie viel Land braucht es zur Selbstversorgung? 200 Quadratmeter Gemüsegarten und 70 Quadratmetern Kartoffelacker würden vollkommen ausreichen, weiß Standler, die im Supermarkt nur noch Kaffee, Nudeln und Zucker kauft. Alles andere besorgt sie bei Biobauern der Umgebung. Nach Hühnern und Schafen denkt die Familie nun über die Anschaffung einer Kuh nach, weil die Kinder so gerne Milch trinken, aber Biomilch aus Salzburg wegen des weiten Transports gegen ihre politische Überzeugung der regionalen Nahversorgung ist.

"Die jüngere Generation versucht sich vermehrt in einem Gegenentwurf zur entfesselten Marktwirtschaft", beobachtet Buchautorin Ingrid Greisenegger (Wieviel Garten braucht der Mensch?).
"Es gibt eine Sehnsucht nach Lebensmittelqualität, die es nur in agrarischen Kulturen geben kann", präzisiert Ernährungswissenschafterin Hanni Rützler den Gedanken: "Durch die Standardisierung von Lebensmitteln ist die Sortenvielfalt verschwunden." Und viele Selbstversorger wollen diese verloren gegangene Geschmacksvielfalt wieder entdecken. Dass neben traditionellen Kulturpflanzen auch Wildkräuter köstlich und nährstoffreich sind, weiß Barbara Brodegger, die zusammen mit ihrem Mann und drei Kindern im niederösterreichischen Klausen-Leopoldsdorf unkonventionelle Artenvielfalt zelebriert. "Unser Garten ist eine essbare Landschaft", schwärmt Brodegger, die früher einmal Abenteuerhungrige als Survival-Trainerin das Überleben in freier Natur gelehrt hat. Auf Reisen hätten sie und ihr Mann dann erfahren, mit wie wenig Menschen überleben können. Ihr Konzept der weit gehenden Selbstversorgung ist eine Grundeinstellung zum Leben: "Der Garten", sagt sie, "ist nur ein Teil unserer Philosophie."

Der Sozialwissenschaftler Michael Groier, tätig an der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, hat das Phänomen der so genannten Aussteiger-Landwirtschaft wissenschaftlich untersucht.
Sein Ergebnis: Es sind zum Großteil junge Grünalternative, kritische Christen, Anthroposophen, Künstler, Esoterikgurus und Naturfreaks, die aus politischen und ökonomischen Gründen aus der Stadt aufs Land ziehen und sich für alternative Lebensformen entscheiden. "Der Bauernhof stellt für diese Aussteiger primär keinen landwirtschaftlichen Betrieb dar, sondern dient als Stützpunkt vielfältiger Aktivitäten. Nicht die agrarische Produktion, sondern die Beschäftigung mit Tieren, das Arbeiten in der Natur, die Verwirklichung gesamtheitlicher Lebenskonzepte stehen im Mittelpunkt", weiß Groier. Die Aussteiger-Höfe im Waldviertel, auf denen Seminare und Ausstellungen stattfinden, haben einiges zu Veränderung des Regional-Images beigetragen.

Dass Selbstversorgung als eine Spielart des Aussteigertums arbeitsintensiv und in finanzieller Hinsicht keineswegs rentabel ist, macht den Betroffenen nichts. "Selbstversorgung ist harte Landarbeit, im Alltag wird Ernährung zum fast ausschließlichen Lebensinhalt", erklärt die Ernährungswissenschafterin Rützler. Die Landwirtin Irmi Salzer bestätigt das. Wenn sie oder ihr Mann nicht gerade säen, jäten oder gegen Pflanzenkrankheiten und Schädlinge ankämpfen, sind sie mit der Verarbeitung von Obst und Gemüse beschäftigt. Denn: Selbstversorger bleibt man auch im Winter.

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Ingrid Greisenegger: Wieviel Garten braucht der Mensch? NP Buchverlag 2003, 174 Seiten. 21,90 Euro Michael Groier: Mit'n Biachl heign. Forschungsbericht Nr. 41 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen. Wien 1999. 283 Seiten, 8,72 Euro. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 23./24.7.2005)

Von Karin Pollack
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