Mich hält hier nichts

22. Juli 2005, 23:45
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Johann Holledauers Abenteuer als Weltumsegler sind ein moderner Heldenroman. Als Unbefugter erfüllte er sich unerlaubt einen Lebenstraum

Im gefüllten Schanigarten eines Wiener Cafés erkenne ich Johann Holledauer sofort wieder.
Er ist der, der nicht hierher gehört. Er, der Niederösterreicher, wirkt fremder als jeder asiatische Tourist. Seine steife Haltung verrät, dass ihm der Sessel nicht vertrauensvoll genug erscheint, um sich in ihn hinein zulehnen. Da kommt in ihm die chronische Angst vor dem Festsitzen hoch. Seine Augen sind weit offen und hellwach, aber sie scheinen nichts und niemanden zu erkennen. Sein Blick ist ruhig und scharf in die Ferne gerichtet. Seine Fingerkuppen kühlen sich am Glas, das vor ihm steht. Frisch gepresster Orangensaft – ein leises Symbol für das Leben, das er mit "Leben" meint.

 Später verrät er es auch mit Worten. "Mich hält hier nichts." "Hier", damit meint er nicht das Kaffeehaus, er meint damit weder Wien noch Österreich. Sein "hier" geht weit über die Grenzen Europas hinaus. "Hier" ist für ihn Festland. Festland hält ihn nicht. Aber es ist heimtückisch: Es versucht ihn gegen seinen Willen hier zu behalten. Es bremst ihn ein, drängt ihn zurück in die Lehnen von Kaffeehausstühlen. Er aber will wieder hinaus in sein Freiland. Er will wieder hinaus aufs Meer.

Der Prozess

Im Oktober 2003 habe ich Johann Holledauer zum ersten Mal gesehen. Wir befanden uns in einem muffigen Verhandlungssaal im Wiener Straflandesgericht. Ich war in der günstigeren Position, ich war Beobachter. Er saß auf der Anklagebank. Er saß dort in steifer Haltung. Er saß dort fest. Er musste sich wegen schweren Betruges verantworten. Es war, so zynisch das klingen mag, ein unterhaltsamer, ein skurriler, ein aufregender Prozess. Man erlebte Juristen, die sich wie Kinder fühlen durften. Und man sah einen Angeklagten, der erleichtert war (zwischen)gelandet zu sein, der reinen Tisch machen wollte, der bedingungslos bereit war, für sein Unrecht einzustehen. Am Tag darauf erschien im Stanard unter dem Titel "Illegaler Weltumsegler" folgende Gerichtsgeschichte:

Spengler Johann (31) hatte immer davon geträumt, die Welt zu umsegeln. Das verbindet ihn vielleicht sogar mit dem auffallend verklärt lächelnden Staatsanwalt. Johann aber hat es auch getan. Er hat von Ried im Innkreis über Sardinien den Sprung nach Afrika geschafft. Und vom Kap der damals noch guten Hoffnung, ein Seemann auf Lebzeiten zu werden, gelangte er bis nach Thailand. Dort endete Johanns Weltreise. Denn der Katamaran "Pantharei" war zwar 15 Meter lang, äußerst seetüchtig und 650.000 Euro wert, aber er gehörte leider nicht ihm. Das bedeutet nun: vier Jahre Haft wegen Betruges. "Kriminell wollte ich nie werden", sagt der Spengler, der mehr an Harry Potter als an Vasco da Gama erinnert. Segeln wollte er, sonst nichts. Und ein Schiff wird kommen, dachte er. Ursprünglich hatte er sogar vor, eines zu kaufen.

Nach einer Personenschutzausbildung war er in Ägypten bei einem saudi-arabischen Prinzen beschäftigt. Damals hatte er gut verdient. Daneben ließ er Microsoft-Aktien und Philharmoniker-Münzen arbeiten. "Schöne Gewinne", sagt er: "Geld ist bei mir immer von allein gekommen" Gegangen aber auch wieder, und da sprang kein Schiff dabei heraus. "So beschloss ich, einen Katamaran zu chartern und nicht mehr zurückzubringen", gesteht er. Er organisierte sich falsche Papiere, fettete sein Theoriewissen mit einem Skipperkurs in Kroatien auf. Und am 24. 8.2002 stach er mit der erschwindelten "Privilege 465" von Puntaldia aus in See.

"Und Ihre Crew?", fragt der Richter. "Zwei Freunde, die unbedingt mitwollten." – "Vermögende Seeleute?" – "Nein, Notstandshilfeempfänger, die gerade Zeit hatten." – Einer stieg in Spanien aus. "Es war ihm zu windig", erzählt Johann. Den anderen erwischte es vor Dakar. "Er hat gesagt, ihm ist das Wetter zu rau, das sei Selbstmord." Der Spengler aber ließ sich nicht entmutigen, segelte in 108 Tagen um die halbe Welt und ging schließlich bei Phuket vor Anker. Dort wollte er für Touristen Bootsführer spielen, um Geld für die Weiterreise zu sammeln. Aber einerseits war ihm bereits die Interpol auf den Fersen. Andererseits dachte er: "Ein Lebensweg, der kriminell anfängt, kann nicht mehr leicht in der Legalität enden." So flog er heim.

Das Buch

Eineinhalb Jahre vergingen. Längst hatte ich den außergewöhnlichen Abenteurer vergessen. Vor ein paar Wochen rief er mich an. "Guten Tag, Holledauer, ich bin der ,illegale Weltumsegler‘. Ich hab meine Gefängnisstrafe abgebüßt. Ich bin wieder frei", sagte er. Inklusive der angerechneten U-Haft hatte er mehr als die Hälfte der vier Jahre abgesessen und wurde vorzeitig entlassen. Der Grund seines Anrufs:

"Ich hab im Gefängnis ein Buch geschrieben." Am nächsten Tag hatte ich es im Postfach. 358 Seiten, Hardcover, am Titelfoto: der entführte Katamaran. Titel: Spirit of Freedom – Eine abenteuerliche Flucht um den halben Erdball. Autor: Holledauer Johann. Gattung: Erlebnisbericht. Verlag: Mein Buch ("Wir veröffentlichen Ihr Buch".) Erstauflage: 5000 Stück. Es ist ein Buch, bei dem man nicht überlegt, ob man es lesen soll.
Es muss einen weder anspringen noch ansprechen. Man darf die Aufmachung sogar ziemlich dilettantisch finden. Bei Spirit of Freedom muss man nur eines: über die ersten paar Seiten gekommen sein. Der Rest liest sich von selbst. Man hat keine Chance auszusteigen.

Da geht es einem wie dem Autor. Man ist, wie er, im Bann. Das Großartige an dem Buch: Es ist wahr. Erlebnisse dieser Dimension gibt es 2005 sonst nur bei Nintendo oder Playstation. Diese hier sind echt gelebt, Zeile für Zeile. Laienschriftsteller Holledauer erzählt einen zeitgenössischen Heldenroman, schlicht in der Sprache, simpel im Stil. Der Held ist er selbst, egozentrisch, narzisstisch, trotzig, stur. Ein Kindheitswunsch führt ihn zu einer Idee, ein Plan reift zu einer Mission. Ein Unbefugter erfüllt sich unerlaubt seinen Lebenstraum, steigt ein in ein gestohlenes Boot, steigt um vom Land, steigt aus aufs Meer. Nichts kann ihn hindern, diesen Weg zu gehen. Es ist ein wahnwitziger Fluchtweg durch die Ozeane, von Pathos geleitet, theatralisch von einem Unwetter ins nächste, schicksalsschwanger an hundert Katastrophen vorbei. Piraten tauchen auf, Nahrungsmittel gehen aus. Zehnmal kentert das Schiff beinahe, zehnmal setzt er es bei Ebbe auf Grund, und doch geht die Reise der Ausnahmezustände weiter und weiter bis zum Ziel.

Erst im letzten Kapitel holt den Irrsegler das Festland ein. Die Interpol hat den entwendeten Katamaran entdeckt. Doch das schlechte Gewissen des Betrügers kommt den Fahndern zuvor. Er fliegt nach Wien, stellt sich der Untersuchungsrichterin und beginnt mit den Aufräumungsarbeiten. Ich hatte Bedenken, für dieses moderne Meeresabenteuerbuch öffentlich zu werben: Verherrlicht es ein Verbrechen? Rechtfertigt es eine strafbare Handlung? Spielt es sich über einen Versicherungsschaden in der Höhe von mehr als einer halben Million Euro locker darüber? Verleitet es zur Nachahmung? – Alle vier Fragen sind klar zu verneinen: Holledauer widmet der Schuldfrage viel Raum, schreibt über Skrupel und Gewissensbisse, über das quälende Gefühl, ständig auf der Flucht zu sein. Am Ende ist er nicht der gesetzlose Heroe, der monatelang die Behörden genarrt hat. Er stellt sich als Gescheiterter und Geläuterter dar, der bereit ist, im Gefängnis für seine Tat zu büßen.

Die Zukunft

Er hat ausgebüßt. Jetzt sitzt er im Café und nippt am Orangensaft. Er ist Vegetarier, auf dem Schiff hatte er sich wochenlang nur von Obst ernährt, während der Haft hat er oft tagelang nur Äpfel gegessen. Als 16-Jähriger hat er zum letzten Mal Alkohol getrunken. Er raucht nicht, verabscheut Drogen, belächelt alle Süchte der Unterhaltungsindustrie. Momentan lebt er in Warteposition, bescheiden. Er braucht kaum Geld, er wüsste nicht, was er kaufen sollte – hier auf dem Festland. Bücher liest er, im Schnitt zwei in der Woche. Nein, keine Romane, die lebt er lieber. Er bevorzugt wirtschaftliche Fachliteratur. Er saugt Wissen auf für seine Zukunftspläne.

Wird er wieder als Spengler arbeiten? – Die Frage kränkt ihn. Wird er sesshaft werden, Familie gründen, einer geregelten Arbeit nachgehen, wo fest wohnen, wie seine Brüder? – Die Vorstellung schmerzt ihn. Sein Hauptwohnsitz ist flüssig. Sein Zuhause ist das Meer. "Nächstes Jahr bin ich wieder dort, ich schwöre es", sagt er. Und er weiß auch schon, auf welchem Schiff. Wird er wieder einen Katamaran entführen? "Ein Verbrechen? Nie mehr, ich schwöre es!" Schwören kann er gut. Und er schwört, dass er seine Schwüre niemals bricht.

Er zeigt mir einen Brief: Eine französische Schiffsfirma will seine Geschichte verfilmen. Das Drehbuch ist in Arbeit, mit finanzkräftigen Partnern wird schon an der Umsetzung gebastelt. Als Film-Yacht soll eine "Privilege 585" zum Einsatz kommen, die 1,3 Millionen Euro teure große Schwester seines Abenteuerboots "Spirit of Freedom". Holledauers Deal klingt einfach, als wäre er bereits umgesetzt. "Die Franzosen kriegen den Film, ich krieg das Schiff." Größenwahn ist seine kleine Schwäche, aber er scheint durchaus imstande, ihn zu leben. Wenn aber alle Pläne scheitern? Wenn die Mittel fehlen? "Dann heuere ich auf einem Öltanker an", sagt er. Seine Haltung bleibt steif. Zurücklehnen zahlt sich nicht mehr aus. Das Festland hält ihn nicht mehr lang. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 23./24.7.2005)

Daniel Glattauer erzählt seine Geschichte

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Spirit of Freedom

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