Polizei erschießt Verdächtigen in U-Bahn-Station

28. Dezember 2005, 13:45
385 Postings

Scotland Yard unter Erfolgsdruck: Großaufgebot durchsuchte Haus in West London

Britische Polizeibeamte streckten am Tag nach den neuen Anschlägen in London einen Verdächtigen in der U-Bahn mit Schüssen nieder und durchsuchten mit einem Großaufgebot ein Haus. In der Hauptstadt liegen die Nerven blank.

***

Wieder quält sich London durch einen "Tag danach", wieder bemüht sich der unverwüstliche britische Humor, die Nerven ein wenig zu stärken. Mit offenkundiger Freude an schwarzen Späßen zeichnet es der Karikaturist der Times so: Zwei Herren mit schütterem Haar sitzen am Pub-Tresen, vom Zeitungstitel, der vor ihnen liegt, schreit es in Balkenlettern "London - Explosionen!". Und was sagt der eine Zechbruder zum anderen? "Das Gute daran ist, dass es einen nicht immer nur an Cricket denken lässt."

Ein Match stand am Donnerstag an, England gegen Australien, und ursprünglich sollte das Duell des Jahres allein für Schlagzeilen sorgen. Die Helden in Weiß liefen tatsächlich auf den Rasen, nach der Devise, dass Terror Terror ist und Cricket Cricket. Wirklich geholfen hat es nicht.

Nervös, angespannt, müde, mit der steifen Oberlippe bestenfalls als Fassade des Stoizismus, so schleppen sich die Londoner durchs Alltagsleben. Nur diejenigen, die am Freitag unbedingt pendeln müssen, in ihre Krankenhäuser, zum Arbeitsplatz in einem Busdepot, in die Banketagen der City, sie sitzen in der U-Bahn. Ihre Köpfe verstecken sie pro forma hinter einer Zeitung, doch immer wieder lugen sie argwöhnisch hinter der Papiertarnung hervor, innerlich bangend, dass nichts passieren möge. Es sind dieselben Szenen wie am 8. Juli, dem Tag nach den ersten, viel schlimmeren Attentaten.

Wie blank die Nerven liegen, macht am Vormittag, gegen zehn Uhr, eine Verfolgungsjagd mit tödlichem Ausgang im Süden der Stadt klar. An der U-Bahn-Station Stockwell, zunächst über der Erde, stoppen Polizisten einen Mann, der ihren Verdacht erregt. Der in die Enge Getriebene flieht, rennt in den Schacht, springt über die Sperre, die sich nur öffnet, wenn man ein Ticket in einen Schlitz schiebt, hastet die Rolltreppe hinunter.

Eine Kugel im Kopf

Was dann passierte, hat Mark Whitby aus nächster Nähe beobachtet. "Drei Polizisten waren dem Burschen auf den Fersen, halb rutschte er aus, halb stießen sie ihn", schildert er. Ausgesehen habe der Fliehende wie ein Pakistaner, eine Baseballkappe habe er getragen, ziemlich kräftig sei er gewesen. Whitby, ein ahnungsloser Fahrgast in einem haltenden Zug, hörte fünf Schüsse. Als der Mann am Boden lag, sagt er, habe einer der Polizisten direkt auf seinen Kopf gezielt. Kurz darauf bestätigt Scotland Yard den Tod des Verfolgten, ein Name wird vorerst nicht genannt.

Der Fall wird sicher ein Nachspiel haben, Londons Polizeichef Ian Blair gab allerdings an, der Getötete hätte sehr wohl etwas mit den Anschlägen vom Vortag zu tun gehabt. Stockwell liegt nur einen Halt von Oval entfernt, dem Bahnhof, wo am Donnerstag eine Bombe hochgehen sollte. Wollte jemand in der gleichen Gegend zuschlagen wie tags zuvor? Oder gibt es eine Verbindung zur Brixton Mosque, einer Moschee im benachbarten Stadtteil Brixton, in der radikale Prediger einst den britischen "Schuhbomber" Richard Reid ihrer kaltblütigen Gehirnwäsche unterzogen?

Was die Hast der Polizisten dagegen erklären könnte, ist die fieberhafte Dringlichkeit, mit der Scotland Yard nach den Attentätern fahndet. Alle vier waren am Donnerstag aus Bahnen und Bussen geflohen. An Augenzeugen mangelt es nicht. Unklar ist auch, warum alle Sprengsätze nicht explodierten. Sie seien "brauchbar" gewesen, sagen die Ermittler. (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die britische Polizei trägt nur in besonderen Fällen Schusswaffen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die U-Bahn-Station Stockwell, in der die Polizei den Verdächtigen erschoss, wurde weiträumig abgesperrt.

Share if you care.