Kommentar der anderen: Brauchen wir ein Donauinselfest der Psychoanalyse?

30. Dezember 2005, 19:21
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Die Sigmund Freud Privatstiftung hat ein Programm für das von ihr ausgerufene "Sigmund Freud Jahr 2006" herausgebracht - der Altpräsident der Gesellschaft hat es gelesen

Ziel des Veranstalter ist es, um die Vorsitzende der Freud-Stiftung, Inge Scholz-Strasser zu zitieren, "die internationale wissenschaftliche, kulturelle sowie touristische Bedeutung des Freud Jahres 2006 für Wien und Österreich positiv umzusetzen". Anlass fürs Umsetzen ist Freuds 150. Geburtstag bzw. in der Diktion der Stiftung das "150-jährige Geburtstagsjubiläum". Die Patronanz (sic!) hat der Bundespräsident übernommen. Wir lesen:

Es gibt ein "breit gefächertes" Veranstaltungsprogramm in Wien und New York, wo Inge Scholz-Strasser als Kuratorin eine Ausstellung der Fotos von Edmund Engelman "im kulturellen Kontext Wiens im 20. Jahrhundert" in der Leica-Gallery präsentiert.

Im Mittelpunkt des "Schauprogramms 2006" wird eine große Sonderausstellung "Die Couch: Denken im Liegen" im Wiener Sigmund Freud Museum stehen, "die sich auf vielfältige Weise mit den Bedeutungsebenen auseinander setzt, die dieses Möbelstück als Inbegriff von Freuds Theorie und Praxis transportiert".

Was hier jedoch tatsächlich transportiert wird, ist ein prinzipielles Nichtverstehen der Freud'schen Theorie und Praxis: Zum einen geht es in der Psychoanalyse bekanntlich nicht ums Denken, sondern um die freie Assoziation des Patienten. Zum anderen wird, indem die Freud-Stiftung das psychoanalytische Setting schlicht als "Szenario" definiert, die Couch als Hauptrequisit der Karikaturisten zum Leitbild der Psychoanalyse erhoben. Ob Kika oder Lutz die Ausstellung sponsern werden, bleibt abzuwarten.

Doch weiter im Text: Im Rahmen der Wiener Vorlesungen wird Scholz-Strasser zum Thema "Die süßen Mädel des Herrn Professor? - Überlegungen zu den Frauen um Sigmund Freud" einen "Auftaktvortrag" halten. Offenbar liegt hier eine Verwechslung mit Arthur Schnitzler vor (den Freud ja als seinen Doppelgänger bezeichnet hat): Denn eine Lou Andreas-Salomé oder Marie Bonaparte sind wohl kaum der Kategorie "süßes Mädel" zuzuordnen.

Bei so viel Auftaktgefühl nimmt es nicht wunder, dass auch eine Verschränkung des Freud-Jahres mit dem Mozart-Jahr gesucht wird: In Zusammenarbeit mit dem Vorstand des Da-Ponte-Instituts für Librettologie, Prof. Lachmayer, wird Frau Scholz-Strasser ein Symposion unter dem Titel "Batti, batti, o bel Maestro" leiten. Sollten die im Programmkonzept verabreichten Kostproben vulgäranalytischer Deutungen des "Don Giovanni" (er "verblüfft in seiner Aktualität hinsichtlich seines Lustkalküls wie psychostrategischen Selbstentwurfs") dazu gedacht sein, auf weitere Einblicke in den Zusammenhang zwischen Eventkultur und unfreiwilligem Humor Appetit zu machen, ist dieses Vorhaben zweifellos gelungen.

Falscher Weg

Auffallend ist, dass Psychoanalytiker als Mitwirkende in dem Programm keinen Platz finden. Der amerikanische Psychoanalytiker Vamik Volkan, der ein Symposion zum Thema "Psychoanalyse und Politik. Terror, Regression und Gewalt - Lösungsmöglichkeiten" abhalten wird ("während der EU-Präsidentschaft Österreichs", wie bescheiden angemerkt wird), ist nur als "renommierter Professor für Psychiatrie und ausgewiesener Konfliktforscher" angekündigt.

Umso reichhaltiger ist dafür das Angebot an "Multimedia"-Attraktionen: U. a. soll es eine interaktive DVD geben - "The Royal Road to the Unconscious. An interactive experience on Sigmund Freuds Viennese Paths" -, die einmal mehr die profunde Unkenntnis der Veranstalter deutlich macht: Als Königsweg zum Unbewussten hat Freud selbst nämlich den Traum und dessen psychoanalytische Deutung bezeichnet - nicht aber seine "authentischen Orte und Wege in Wien", resp. "Hot Spots", die "mit assoziierter Website unter Einbindung von Mobile Location Based Services" angeboten werden.

Letzte Station unseres kleinen Programm-Rundgangs: Die als "Open-Air-Ausstellung" deklarierte Bezirksaktion "Offene Stadt Wien: Wege zum Unbewussten", die "bewusst den konventionellen Rahmen bricht" - unter anderem dadurch, dass sie "auf 23 Litfasssäulen Sigmund Freud mit seinen Publikationen, wissenschaftlichen Leistungen sowie in seinem historischen Umfeld präsentiert", per Einwahl übers Handy Hintergrundinformation zugänglich macht und in einer Begleitbroschüre erklärt, wie man die Säulen mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann.

Nachdem solchermaßen die touristischen Bedürfnisse eines Freud-Jahres weithin abgedeckt zu sein scheinen, erhebt sich doch die Frage, wie eine Würdigung der wissenschaftlichen Verdienste Sigmund Freuds aussehen könnte, die diese Bezeichnung auch verdient. Wir werden da wohl auf die Geburtstagsveranstaltungen der von Freud selbst gegründeten Wiener Psychoanalytischen Vereinigung warten müssen.

Diese wird gewiss kein "Donauinselfest der Psychoanalyse" inszenieren, sondern - nach dem Prinzip "mehr Content statt Event" - in fachkundiger Weise einen professionellen Zugang zu Freuds Leben und Wirken ermöglichen.

Kleiner Trost

Als wir im Jahre 1971 das Freud-Museum gründeten, ging es uns um die Schaffung einer informierten öffentlichen Meinung zu Freud und zur Psychoanalyse. In zahlreichen Seminaren für alle Berufsgruppen haben wir versucht, angewandte Psychoanalyse kompetent zu vermitteln. Das geschah in geduldiger, oft auch mühevoller Kleinarbeit, die aber, wie ich meine, nicht trotz, sondern gerade wegen des Verzichts auf jegliche Anbiederung an Tourismus und Spektakelkultur, auch erfolgreich war.

Kleiner Trost: Die Psychoanalyse in Wien hat zwei Weltkriege, den Holocaust und die NS-Zeit überlebt. Ich bin sicher, dass sie auch das "Sigmund Freud Jahr 2006" à la Scholz-Strasser überleben wird. (Harald Leupold-Löwenthal/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 7. 2005)

Kommentar der anderen von Harald Leupold-Löwenthal

Der Psychoanalytiker, Jg. 1926, war von 1974 bis 1981 Vorsitzender der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und lange Jahre Präsident der Sigmund-Freud-Gesellschaft.
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    foto: standard/semotan
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