Licht und Lenzeslust im Ländle

21. Juli 2005, 19:55
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Carl Nielsens "Maskerade": Man wähnt sich im Inneren einer Wundertüte, eines bunten Schatzkistleins

Bregenz - Sternenhimmelglitzernde Roben, angedockt bei Anzugsdunkel, jacketkronenlächelnde Richesse und sektgläschennippende Seinerzeit-Jeunesse, vereint im Trubel kunstlüsternen Plapperlaplapps: Ist doch fast wie in Salzburg, hier in Bregenz!

Aber klar: Bei der mittlerweile 60. Auflage des Vorarlberger Kulturfests verstehen sogar die sonst eher dem Spar-und Arbeitsgedanken huldigenden Allemannen und -frauen die Glamourpose einzunehmen - auch wenn dies für sie meist harte Arbeit bedeutet. Und auch der Chef der ganzen Chose ist ja kein dem gemütsaufhellenden Freizeitvertreib abgeneigter Zeitgenosse nicht: Als anregend-unterhaltsames "Picknick mit Freunden" möchte Intendant David Pountney seine Festspiele erlebt sehen, als eine Party der Künste, bei der Bekanntes und Unbekanntes, Angejahrtes und Frischgebackenes, Exzentrisches und Mauerblümchenhaftes miteinander anbandelt im Dienste geistvoller und sinnesfreudiger Unterhaltung.

Maskerade

Ein Mauerblümchen des musikgeschichtlichen Kanons ist ja auch er geblieben: Carl Nielsen, der Schwerpunkt-Komponist der diesjährigen Festspiele. Neben dem eher zur schroff-sperrigen Tonäußerung neigenden symphonischen Werk - es wird bei diversen Orchesterkonzerten präsentiert - steht im Festspielhaus die äußerst bekömmliche, erste (und einzige) komische Oper des dänischen Komponisten (1865- 1931) auf dem Programm: Maskerade.

Die Klamaukiade rund um einen Maskenball ist vordergründig ein einziger Spaß. Im Komödiengang jedoch - das Libretto fußt auf dem gleichnamigen Lustspiel Ludvig Holbergs - wird das Thema des Konflikts der Generationen, der Klassen und der Weltanschauungen mittransportiert, welches für den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Nielsen kein unbekanntes gewesen sein dürfte.

Harmoniebeigaben

Musikalisch kommt die heimliche Nationaloper Dänemarks auf leichten, tänzerischen Füßen daher. Gleich einer "opéra classique" grundiert die Musiksprache Mozarts den transparenten, hellen Kompositionstext des 1904 bis 1906 entstandenen Werks; virtuos spielt der Däne mit dem klassischen Idiom, konterkariert es mit choralartig firmen, homofonen Blöcken oder reichert es mit romantisch eingefärbten Harmoniebeigaben an.

Vergnügungssüchtig

Pountneys Einrichtung fällt nicht nur aus dem Rahmen, sie ereignet sich in einem solchen. In einer bühnengroßen, leicht schräg gestellten goldenen Umfassung ereignen sich die Kalamitäten: Der gestrenge Papa Jeronimus (ebenso: Günter Missenhardt) versucht den vergnügungssüchtigen Filius Leander (allzu feinstimmig, aber von ferne so ein bisschen wie Jude Law: Daniel Kirch) am Besuch eines Maskenballs zu hindern.

Dieses Verbot weiß wiederum Leanders gewitzter Diener Henrik (stimm- und spielfreudig: Markus Brück) zu umgehen, und so machen sie am Ende doch alle mit bei der großen Maskerade: Jeronimus' Frau Magdelone (mit alterskecker Schärfe: Julia Juon) bandelt mit Herrn Leonard (eine Freude wie immer: Ernst D. Suttheimer) an, Leander verliebt sich in Leonora (stimmlich glänzend, aber etwas zäh: Barbara Haveman), Henrik findet zu Pernille (knackig: Katharina Peetz), und sogar der von aller Welt geknechtete Arv (bombig: Adrian Thompson) darf im Ende seine geliebte Köchin anknabbern.

Klobiges Betonambiente

Bei der pointiert gezeichneten, sinnlich-lebendigen Inszenierung Pountneys wähnt man sich im Inneren einer Wundertüte, eines bunten Schatzkistleins: Die klug gebaute, poetische und überraschungsreiche Bühne von Johan Engels und die so prachtvoll-eleganten wie stilmixsicheren Kostüme Marie-Jeanne Leccas tragen das ihre dazu bei. Renato Zanella besorgt eine etwas plakative sowie eine temporeich-witzige Balletteinlage, Ulf Schirmer animiert die Wiener Symphoniker zu feinstgliedriger wie auch robuster Tanzlaune.

"Ein wenig Licht und Lenzeslust" wollte das Maskenspiel seinen Zuschauern bringen: Das gelang. Denn abgesehen von der schnell schießenden lokalen Kulturkritik, welche sich von einem "starken Drang zum Trivialen" bedrängt gefühlt hatte, strebte das Bregenzer Premierenpublikum nach geradezu enthemmten Begeisterungsäußerungen äußerst freudvoll festspielhausauswärts. Es schritt dabei zum letzten Mal durch klobiges Betonambiente: Nach einer zehnmonatigen Sanierungs- und Umbauphase wird das kulturelle Freudenhaus ab dem Sommer 2006 generalgeliftet für alle Lustbarkeiten zur Verfügung stehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2005)

Von Stefan Ender
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    Eine "Maskerade" der anderen Art auch im zweiten, eher düsteren Akt von Carl Nielsens komischer Oper: Markus Brueck als Henrik erschreckt Adrian Thompson als Arv.

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