Ein fast zu netter Barbar

24. Juli 2005, 21:30
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Tobias Moretti und Martin Kusej mit Auskünften über das "Ottokar"-Probenfieber

Salzburg - Nein, in eine allzu bestimmte Richtung werten wolle man nicht, wohl aber hinter die "brokatverhangenen" Verse aus der Feder des als "Zweitklassiker" einst schnöde verunglimpften Franz Grillparzer und hinter die im Nachkriegsösterreich heraldisch tradierten Rollenbilder eines Primislaus Ottokar und eines Rudolf von Habsburg blicken.

Bei König Ottokars Glück und Ende, dem gymnasialen Schrecken vieler Schülergenerationen, handelt es sich schließlich um eine nicht unproblematische Nationalfanfare, der zur Burgtheater-Wiedereröffnung anno 1955 sogar Johann Wolfgang von Goethes Egmont weichen musste - sind sich Salzburgs Schauspieldirektor Martin Kusej und dessen "fast noch zu netter" Ottokar Tobias Moretti im Premierenvorfeld einig.

"Arbeitsradikalismus

Beide "Bühnengladiatoren" feilen nach Wiener Vorarbeit und der Jedermann-Wiederaufnahme an dem knisternden Spannungsfeld eines politisch-"barbarischen" Altsystems und der neuen, durch Habsburg verkörperten Ordnung, deren Rezeption als blendendes Licht des Heils und der Souveränität schon dem von Zweifeln geplagten Dichter missfallen hatte.

Es wird Moretti und dem Rudolf-Darsteller Michael Maertens obliegen, aus einer "in dieser extrem spannenden Form noch nie erlebten Vorbereitung und einem positiven Arbeitsradikalismus" gezogenen Probenernte die vom Dichter angelegten Zwiespältigkeiten der politischen Kontrahenten hervorzukehren.

"Antimonarchisten"

Schwierigkeiten mit einem unbestritten schwierigen Autor wollen weder Kusej noch Moretti zugeben. Vielmehr wird Grillparzer als "unglaublich elastisch am Puls der Zeit schreibender Visionär mit einer Sprache offensiver als ein Maschinengewehr" empfunden. Moretti findet seinen seine wilden König sympathisch, weil sein Handeln im Gegensatz zum Agieren Habsburgs "unmittelbar und nachvollziehbar" ist.

Für den Regie führenden definitiven "Antimonarchisten" aus Südkärnten ist das Stück herausfordernd, weil "der Schrott überlebt". Das rechtfertige auch das Theaterrisiko Grillparzer. Man darf sich aber zurücklehnen, denn die Halleiner Perner-Insel ist ab 8. August ausverkauft. Immerhin übersiedelt die Produktion in der kommenden Saison nach Wien. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2005)

Von Anton Gugg
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    Gemeinsamer Einsatz für einen verzwickten Nationalmythos: Regisseur Martin Kusej (Vordergrund) und Tobias Morietti als Böhmenkönig Ottokar.

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