Nahostexpertin Allaf im STANDARD-Interview: "Der Irak spielt eine enorme Rolle"

24. Juli 2005, 16:12
306 Postings

Warnung, den Terror mit klobigen Parolen zu bekämpfen - Blair ist Bushs "machtloser Sozius"

Standard: Frau Allaf, der britische Journalist Faisal Bodi meint, wegen des Irakkriegs führe die blutige Spur der Schuld vom Terror des 7. Juli direkt zur Tür Tony Blairs.

Allaf: Ein gewagter Satz, so krass würde ich es nicht formulieren. Der Irak spielt eine enorme Rolle, aber er ist nicht der einzige Grund. So sieht es unser Institut (Royal Institute of International Affairs, auch bekannt als Chatham House, Anm.), das schonungslos die Schwächen der britischen Antiterrorpolitik analysierte.

Standard: Und damit heftigen Widerspruch auslöste...

Allaf: Ja, aber manches war einfach lächerlich. Außenminister Jack Straw hat gefragt, ob Chatham House den Terror rechtfertigen wolle. Wir sind alle erwachsen genug, um zu wissen, dass es ein Unterschied ist, ob man die Ursachen des Terrors erklärt oder ihn rechtfertigt. Zunächst mal haben wir gesagt, dass sich London bis Mitte der 90er-Jahre auf die IRA konzentrierte und radikale Islamisten in Ruhe ließ. Die blieben unbehelligt, solange sie keine britischen Interessen bedrohten.

Standard: Was änderte sich dann mit dem Irakkrieg?

Allaf: Irak hat dem Krieg gegen den Terror Ressourcen entzogen, den Fokus verschoben. Wer sprach 2003 noch von Osama Bin Laden? Der Krieg ließ die arabische Welt kochen. Heute ist der Irak ein Magnet, Übungsplatz für Terroristen. Und gerade die Briten sind in einem Dilemma.

Standard: Wieso gerade die Briten?

Allaf: Sie sitzen als Beifahrer auf einem Motorrad, das von den USA gelenkt wird. Sie kontrollieren weder die Richtung noch das Tempo der Fahrt. Blair ist der Sozius, machtlos. Dass mein Institut das so klar hinschrieb, macht ihn wütend. Blair ist extrem empfindlich, wenn man ihn als Juniorpartner, gar als Pudel Bushs darstellt. Er hat ein übersteigertes Selbstbewusstsein, möchte immer als Gleicher neben Bush gesehen werden. Er wollte unbedingt in den Krieg im Irak ziehen, obwohl ihn die Amerikaner nicht brauchten.

Standard: Warum soll der Irakkrieg vier Briten aus Leeds dazu treiben, Bomben in London zu zünden?

Allaf: Das waren junge, frustrierte Männer, die sicher schon vorher Probleme hatten. Das schöne Bild, dass Britannien ein Hort der Toleranz ist, stimmt ja so nicht. Es stimmt für London, nicht für Leeds. Viele Muslime fühlen sich fremd, ausgeschlossen aus dem Alltagsleben. Der jüngste Attentäter, Hasib Hussain, war 17, als der Irak angegriffen wurde. Der Krieg hat sicher beigetragen zu seinem Ärger. Die Folterbilder aus Abu Ghraib, die Fotos gefesselter Gefangener aus Guantánamo, die Bomben auf Falluja, das alles hat die muslimische Welt zutiefst gekränkt. Seht her, konnte Osama Bin Laden sagen, so behandeln sie unsere Leute. Viele haben ihm zugehört, vor allem die Jungen. Vergessen Sie nicht, in der arabischen Welt ist die Hälfte der Bevölkerung jünger als 20.

Standard: Aber die vier lebten in Großbritannien...

Allaf: Ich glaube, die vier fühlten sich nirgends zu Hause. Nicht in Großbritannien, nicht in der islamischen Umma (Nation, Anm.), die ihnen vielleicht als zu hilflos erschien. In dieses Vakuum stoßen die Ideologen von Al-Kaida und flüstern ihnen ins Ohr: Recht hast du, mein Bruder, komm mal mit, wir müssen mit dir reden. Dann folgt ein langer Prozess der Indoktrinierung. Es beginnt mit der Pflicht, der muslimischen Gemeinschaft zu helfen, daraus wird die Pflicht zum Dschihad, am Ende steht der Gedanke, das Leben zu opfern.

Standard: Nach Blairs Worten war nicht Irak, sondern blinder Hass das Motiv der Täter...

Allaf: Blair macht es sich zu einfach, wenn er von einer Ideologie des Bösen spricht. Ja, diese Leute sind Extremisten, Gewalttäter, Terroristen. Doch Bin Laden hat ein politisches Programm. Er will, dass alle fremden Truppen, ungläubige Truppen, wie er sagt, muslimisches Land verlassen. Aus diesem Grund hat ihn die CIA ja einst in Afghanistan finanziert; der Mann wollte die ungläubigen Sowjets zum Rückzug zwingen. Heute will er die Besatzer aus dem Irak vertreiben.

Standard: Wie kann man Erfolg haben gegen Al-Kaida?

Allaf: Man muss die Gründe beseitigen, die so viele Muslime frustrieren. Die Okkupation Palästinas durch Israel, die Okkupation des Irak. Wenigstens wären dann weniger junge Leute bereit, etwas so Schreckliches zu tun wie am 7. Juli in London. Wenn sich die Terroristen nicht mehr auf konkrete Gründe berufen können, haben sie es schwerer, Kandidaten für ihre Gehirnwäsche zu finden. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2005)

Mit Allaf sprach Frank Herrmann.

Link

rimeallaf.com

  • Zur PersonRime Allaf ist Associate Fellow am Chatham House mit dem Spezialgebiet Naher Osten.
    foto: hermann

    Zur Person

    Rime Allaf ist Associate Fellow am Chatham House mit dem Spezialgebiet Naher Osten.

Share if you care.