Die Geistervilla

25. Juli 2005, 16:24
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Natürlich waren wir trotzdem dort. Wir machten uns jedes Mal fast in die Hose, wenn wir an dem alten Haus vorbeiradelten ...

Es war vor einem Monat. Wir saßen im Präsentationsraum eines Edelküchenherstellers und ließen Geräte vor Augen und Gaumen führen, als ich mich erinnerte: Ich war schon hier gewesen. Genau hier. Aber wäre da nicht der Blick aus dem Fenster auf die Eisenbahnbrücke gewesen, wäre mir das nicht aufgefallen. Weil die Gegend nicht mehr die gleiche war.

Es war unten. An der Liesing. Und während die Dame vom Hochpreiskochgerätelabel Küchenhardware zu Kleinwagenpreisen vorführte, hatte versucht, diese Straße mit meinen Kindheitserinnerungen in Einklang zu bringen: Schließlich war ich um die Ecke aufgewachsen.

Industriezone

Aber damals war hier keine Industriezone gewesen: An der Brücke über die Südosttangente – die angeblich einmal nicht da gewesen sein soll – hatte es, wo heute der Baumarkt ist, ein riesengroßes Fabrikareal gegeben. Irgendwann, aber da war ich schon weg gezogen, war ein fahrendes Technosoundsystem eingefallen. Ich erinnere mich an eine lustige Party – und viele meiner früheren Nachbarn sprechen heute noch von den wilden Horden, die ihr Kleingärtneridyll erschüttert haben sollen.

Ansonsten war da nichts: Baumaschinen- und Materiallagerflächen, Gstetten und Felder. Zwischen denen zog sich die Oberlaaer Straße parallel zu Tangente und Liesingbach bis nach, logo, Oberlaa. Und irgendwo kreuzten die Schienen der Pottendorfer Bahnlinie die Straße.

Ruine

Die kleine Brücke hatte uns magisch angezogen. Erstens wegen der Mutproben, die sich am Bahndamm förmlich aufdrängten. Zweitens wegen der Villa. Die hatte "Geistervilla" geheissen – und war der ultimative Angstort der Unter-Zehnjährigen: Riesengroß, halb verfallen, mit Türmen und Erkern stand sie von Hecken und Zäunen umgeben inmitten eines schaurig unübersichtlichen Gartens, in dem an jeder Ecke mannigfaltige Gefahren drohten. Zumindest in der Erinnerung.

Denn in Wirklichkeit dürfte sie einfach ein verfallenes Haus mit morscher Veranda, vergammelten Beeten und kaputten Fenstern gewesen sein, aber als Buben sahen wir hier das Haus Frankenstein. Und staunten, wenn uns die Größeren erzählten, dass sie dort hingingen um zu rauchen. Oder um zu trinken. Oder um den Keller zu erforschen. Oder um andere Mutproben zu bestehen. Oder um mit Mädchen wilde Dinge zu machen.

Mädchenmysterium

Obwohl es im Umkreis von 15 Fahrradminuten kein Mädchen gab, das mit irgendeinem der Burschen – geschweige denn mit einer Gruppe – einen Fuß in dieses Haus gesetzt hätte. Nicht zuletzt, weil sie alle Brüder hatten, denen der Humor ausging, wenn irgendwer ein falsches Wort über ihre Schwestern dachte. Aber das habe ich als Volksschüler nicht gewusst – und war neugierig zu erfahren, was genau man denn mit Mädchen (die waren ja langweilig) in so einem Abenteuerparadies anstellen könnte. Aber die größeren Buben hatten uns verboten, die Villa zu betreten.

Natürlich waren wir trotzdem dort. Wir machten uns jedes Mal fast in die Hose, wenn wir an dem alten Haus vorbeiradelten. Und weil der größte Hosenscheisser immer am lautesten von der eigenen Angst ablenken muss, sind wir natürlich eingestiegen: Dreck, Scherben, und kaputte Möbel und Werkzeuge. Zerfetzte Pornohefte, Fäkalien, zerschnittene Matratzen deren Innenleben Erfahrungen gemacht zu haben schien, die ich meinen schlimmsten Feinden nicht wünschte. Kurz: Das Paradies.

Paranoia

Und auch wenn ich in Wirklichkeit vielleicht dreimal und nie länger als fünf Minuten (die klassische Kleine-Buben-Paranoia ließ uns in jedem Knackser böse Menschen, feindliche Banden, Polizisten oder Eltern vermuten und in heller Panik flüchten, sobald sich ein Vorwand anbot) in dem Haus war, habe ich diese Erlebnisse natürlich ausgebaut. Und den nachfolgenden Zwergen aufgetischt. Bei mir kamen neben den obligaten Mädchen obwohl wir immer noch nicht genau wussten, wozu die eigentlich gut waren – auch Einbrecher vor. Mitunter auch Knochen. Einmal sogar ein Toter.

Aber irgendwann verschwand die Geistervilla. Zuerst hinter den Hecken. Dann hinter anderen Abenteuern. Die paar Male, die ich in den letzten Jahren vorbei gefahren bin, habe ich nicht einmal mehr an sie gedacht. Bis ich vor einem Monat im Küchenstudio saß, den alten Bahndamm sah und zum Zeitsprung über 25 Jahre ansetzte.

Als A. mich nach der Präsentation wieder einsammelte, saß ich am Ufer des Liesingbaches. Ich hatte einen Kloß im Hals. Wo die Villa gestanden hat, ist jetzt ein Firmenparkplatz.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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