Reportage: "Ein Geruch, als wäre irgendwo Gummi verbrannt"

24. Juli 2005, 16:12
208 Postings

Am Donnerstag Mittag, gegen 12.45 Uhr, schien es so, als erlebe die Themsestadt ein schreckliches Déjà-vu

"Alle raus, hieß es, wir alle sind den Bahnsteig entlang zur Rolltreppe gerannt, wir hatten wahnsinnige Angst", schilderte Caroline Russell, die in einem Waggon der unterirdischen Victoria Line saß. Als ihr Zug in den Bahnhof Warren Street einfuhr, hörte sie es krachen, "dann roch es so beißend, als wäre irgendwo Gummi verbrannt". "Ich sagte mir, jetzt nur keine Panik. Vor mir brach ein Mädchen aus Italien zusammen, ich konzentrierte mich ganz darauf, ihr zu helfen."

Zwei Wochen nach den skrupellosen Anschlägen, die am 7. Juli mehr als 50 Menschen in den Tod rissen, stand London am Donnerstag erneut im Zeichen eines Terroralarms. Im Zentrum, im Süden und Westen der Stadt wurden drei U-Bahn-Stationen abgeriegelt, im East End gingen die Scheiben eines roten Doppelstockbusses zu Bruch. Kein Zufall, sondern geografische Symbolik: Wer immer die Attentäter waren, ob trainierte Terroristen oder Trittbrettfahrer mit einer perversen Lust an groben Späßen, sie wollten die Metropole in allen vier Himmelsrichtungen zugleich treffen. Genauso hatten es die vier Fanatiker aus Leeds vor zwei Wochen geplant.

"Nahezu simultan"

Sir Ian Blair, Londons Polizeichef, sprach von vier versuchten Bombenattentaten. Dabei habe es einen Verletzten gegeben. An vier Orten, "nahezu simultan", hätten die Täter versucht, Sprengsätze zu zünden, allerdings wesentlich kleinere als vor zwei Wochen. In einigen Fällen, so der Mann von Scotland Yard, sei der Sprengstoff nicht richtig detoniert. Und einen üblen Scherz von Nachahmungstätern schloss er aus: "Die Absicht war es zu töten."

Sir Ians Namensvetter, Premier Tony Blair, wurde beim Lunch mit einem Staatsgast, dem australischen Ministerpräsidenten John Howard, von den Hiobsbotschaften überrascht. Eilends rief er, wie schon am 7. Juli, als er vom G-8-Gipfel in Schottland einschwebte, seinen Krisenstab Cobra zur Sitzung in einen Bunker. Anschließend, vor der Presse, gab er sich Mühe, Gelassenheit zur Schau zu stellen. Die Angreifer hätten es darauf angelegt, London einzuschüchtern, sagte der britische Regierungschef. Das dürfe ihnen jedoch nicht gelingen, deshalb bitte er die Leute: "Gehen Sie ganz normal Ihren Geschäften nach".

Am Mittag, gegen 12.45 Uhr, schien es so, als erlebe die Themsestadt ein schreckliches Déjà-vu. Feuerwehren rasten mit Blaulicht zu den Tunnelausgängen an der Warren Street, niemand wusste Genaues, ratlose Fernsehreporter traten vor ihre Kameras und hatten bis auf Spekulatives wenig zu sagen. Genauso begann es am 7. Juli. Allmählich trat eine gewisse Erleichterung an die Stelle der Angst. Die ersten Augenzeugen berichteten, sie schilderten ein heilloses Chaos, nicht aber ein blutiges Inferno.

Rucksack explodierte

Ein Junge sah, wie in der "Tube", auf der Victoria Line, der Rucksack eines Passagiers explodierte. Caroline Russell, die oben erwähnte Londonerin, beschrieb, das Ganze habe mehr nach einem Feuerwerk geklungen als nach einem gefährlichen Sprengsatz. Irgendwann war von einer Nagelbombe die Rede. Wohl nur ein Gerücht. Von dem Mann mit dem Rucksack fehlte vorläufig jede Spur. Gegenüber der Station Warren Street wurde ein Krankenhaus, das University College Hospital, in Alarmbereitschaft versetzt. Überall Sirenengeheul, Polizeiautos und Krankenwagen rasten an Baugerüsten vorbei durch enge Straßen. Später zogen Scharfschützen an dem Spital auf, von einem mysteriösen Eindringling war die Rede.

Rauchwolken

Keine weiteren Details dazu, teilte Scotland Yard mit, nur so viel: "ein Zwischenfall". Bei zwei Festnahmen im Regierungsviertel Whitehall – eine wurde gar live im Fernsehen übertragen – war der Polizeichef gesprächiger; sie hätten überhaupt nichts mit den Explosionen zu tun. Es war ein Mosaikstein an diesem so chaotischen Nachmittag.

Am Bahnhof Oval, südlich der Themse, stiegen verdächtige Rauchwolken auf. Spezialisten in Schutzanzügen, vorm Gesicht Atemmasken, stiegen in die Tunnel. Rund zwei Stunden nach den Explosionen gaben sie Entwarnung: Man habe keine Spuren bedrohlicher chemischer Substanzen entdeckt. In Shepherd's Bush, im Westen der Siebenmillionenmetropole, wo der Rundfunksender BBC sein Domizil hat, wurden sämtliche Restaurants und Geschäfte evakuiert. Das gesamten U-Bahnnetz wurde auf die höchste Alarmstufe gestellt. Sämtliche Züge fuhren noch bis zur nächsten Station, dort mussten alle Passagiere die Tunnel so schnell wie möglich verlassen. Im Osten Londons, in der Hackney Road im East- End-Bezirk Shoreditch, traf es einen Doppeldecker der Linie 26. Einen Bus, auf dessen Heck eine mächtige Löwenmähne für den "Lion King" warb, ein Stück des Musical- Zaren Andrew Lloyd Webber. Der Fahrer hörte einen Knall, stieg die hühnerleiterschmale Treppe hinauf aufs Oberdeck. Was er dort sah, dürfte ihn, bei allem Schreck, ein wenig beruhigt haben. Keine Blutflecken, keine vor Schmerz stöhnenden Menschen, nur ein paar Scheiben waren kaputt. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Ermittler trugen "als Vorsichtsmaßnahme" bei der Durchsuchung der U-Bahnstationen Oval und Warren Street im Norden Londons Schutzkleidung.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Sicherheitskräfte sperrten die U-Bahnstationen weiträumig ab.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gesperrte U-Bahnstation am Donnerstag Nachmittag

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Polizei bestätigte, dass es auf der Linie 26 in der Hackney Road einen "Zwischenfall" gegeben habe.

Share if you care.