Hasenjagd oder Elfentanz im Rosas-Land

25. Juli 2005, 19:29
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Gefälliges wie meditatives Debakel: Die belgische Starchoreografin Anne Teresa De Keersmaeker bei ImPulsTanz - "Cie. 7273" überzeugt hingegen

Wien - Tanz ist eine Kunstform, die sich stets neu erfinden muss. Wo das nicht passiert, drohen Stagnation und Entropie. Die belgische Starchoreografin Anne Teresa De Keersmaeker steckt spätestens seit ihrer "Kitschklunker Rain" (2001) fest. Dass sie immer noch nicht flott ist, beweist ihr Doppelabend "Raga for the Rainy Season/A Love Supreme" im Burgtheater.

Seit 22 Jahren hängt die Großstruktur der Compagnie Rosas allein an Keersmaekers Kreativität. Die 45-jährige Choreografin steht unter ständigem Produktionszwang. Heute lebt sie von einem Mythos, den sie mit choreografischen Meilensteinen wie "Fase" (1981) und "Rosas danst Rosas" (1983) initiiert hat. Ihr Ruhm konnte wachsen, weil sie eine unglaublich talentierte Bewegungskomponistin mit spektakulärem Musikgefühl ist.

Zeit starker junger Frauen vorüber

Keersmaekers Verständnis dafür, was ihre Figuren auf der Bühne darstellen, ist allerdings in dem Maß geschrumpft, wie der Repräsentationsdiskurs im Tanz an Bedeutung gewonnen hat. Ihr Frühwerk überzeugte mit der Inszenierung starker junger Frauen. Heute schweben weiß gewandete Feen durch anstrengende Bewegungsrepertoires und winden sich intentionsfrei, wie in "Raga for the Rainy Season", in enger Expression und weiten Flatterröcken durch lustlos ausgemessene Raumparzellen. Ein so gefälliges wie meditatives Debakel.

Ähnlich suchen bei "A Love Supreme" vier Elfen aus dem Rosas-Land in der wundervollen John-Coltrane-Musik so aufgeregt nach künstlerischen Schlafmützchen, dass dem geeichten Zuschauer die Augen zufallen. Ganz so sandmännchenhaft geht es bei der jungen Schweizer Cie. 7273 im Schauspielhaus nicht zu. Deren Arbeit "La vision du lapin" spielt provokant mit Erwartungs- und Befürchtungshaltungen, bis Beglückung und Verärgerung im Zuschauerraum eine emotionale Gewitterwolke erzeugt haben, in der es gefährlich wetterleuchtet.

Ein gescheitelter Schönling kündigt einen Tanz an, das Publikum könne ihn später kommentieren. Er tanzt, quittiert aber die tatsächlich folgenden Fragen mit stoischem Schweigen. Es gibt, sagt diese Geste, eine Gegnerschaft zwischen AkteurInnen und Auditorium. Eine junge Frau mit Milky-Way-T-Shirt wiederholt das Prozedere. Der Mann und die Frau setzen Hockeyhelme auf und exerzieren ein langsames Duett. In einem Video versuchen diese HeldInnen, Essen und Trinken durch die Gesichtsschutzgitter ihrer Helme zu zwängen.

Milky Way für Wölfe

Unerbittlich werden Solo, Duett und Video repetitiv weiterentwickelt. Entsprechend steigt die Spannungskurve. Unheimlich an diesem Stück ist das Bewusstsein der Choreografen Laurence Yadi und Nicolas Cantillon hinsichtlich der Perzeptionsmechanik des postmodernen Betrachters. Grenzen werden überdehnt, geheime Gelüste ausgestellt: "Knallt sie ab wie Kaninchen!"

Das Publikum neigt zur Meutenbildung. Hier, wird in dem Stück gesagt, sitzen Wölfe im Schafspelz. Uns geht ein Licht auf: Elias Canetti tanzt mit Roland Barthes auf einem Zeichenparkett, das Umberto Eco verlegt haben könnte. Hinter der intelligenten Penetranz der PerformerInnen aber warten die Liebe und Leichtigkeit, nach der sich WölfInnen wie Schafe sehnen. Am Ende erlöst uns ein Riegel Milky Way. (Helmut Ploebst/(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.7. 2005)

  • Anne Teresa de Keersmaeker & Rosas: Szenenbild aus "Desh"
    foto: standard/êherman sorgeloos
    Anne Teresa de Keersmaeker & Rosas: Szenenbild aus "Desh"
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