Der Soundtrack der sozialen Verwahrlosung

28. Juli 2005, 21:16
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Mit "Bang Bang Rock & Roll", dem Debüt der Briten Art Brut, geht die Retrowelle im Pop in eine neue Runde: Herrlich ruppiger, moderner ...

... wie zutiefst anachronistischer Underground-Rock mit hämisch hinaufgezogenem Mundwinkel


Wien - Irgendwas ist immer. Gerade im stimmungsmäßig, ökonomisch, sozial und blablabla den Bach runtergehenden Großbritannien muss in Ermangelung anderer wenn schon nicht viel, so zumindest das Nötigste versprechender Zukunftsperspektiven jede Woche wieder von einer entsprechend grundgestimmten Freizeitindustrie eine neue Sensation ausgerufen werden.

Das hebt nicht nur die Laune. Das sichert in den Plattenfirmen des nach wie vor zu den großen vier der Welt zählenden Musikmarktes nicht nur wegen drastischer Einsparungsmaßnahmen knapp gewordene Arbeitsplätze. Weil es immer noch weitergehen muss in einer klein und kleiner gewordenen Ökonomie der auch künstlerisch gedeuteten Verknappung, ist man auch in England mittlerweile längst beim Recycling-Gedanken angekommen.

Dieser funktioniert nicht erst seit zumindest in Gesamteuropa glänzend vermarkteter Retro-Acts wie Franz Ferdinand und ihrer Wiederverwurstung damals bestimmender New-Wave-Ästhetiken aus den frühen 80er-Jahren ganz ausgezeichnet.

Auch im so genannten - nach wie vor vorhandenen und florierenden - "Underground" von Hundertschaften junger und jüngster Bands in den Fußstapfen übermächtiger historischer Vorbilder ist dank Gruppen wie Futureheads, Bloc Party, Maximo Park, The Others und, und, und ständig für Nachwuchs gesorgt. Die arbeiten sich heute im Gegensatz zu den 90er-Jahren nicht mehr so wie Oasis oder Blur an den Beatles, den Kinks oder den Stones ab. Hier werden auf durchaus erfrischende Weise neuere Ahnherren wie Gang Of Four, Wire, Buzzcocks, The Fall und alles andere, was vor höchstens 25 Jahren nach der Explosion des Punk kam, neu gesichtet und weiterentwickelt.

Sturm und Drang

Das neueste und derzeit in europäischen Musikmedien heftig und zu Recht abgefeierte Produkt nennt sich Art Brut. Und mit ihrem Debütalbum Bang Bang Rock & Roll (Österreich-Vertrieb: Trost) kommt jetzt von einem jungen britischen Quintett das seit den großartig versponnenen Flotation Toy Warning und ihrer Wunder-CD Bluffer's Guide to The Flight Deck charmanteste Werk junger Stürmer und Dränger auf den Markt.

Die Band aus Bournemouth um den im Sinne eines Schmuddelkindes aus den nicht so vom Glück des Wohlstands gestreiften Außenbezirken der Metropolen im akzentgestärkten Edel-Cockney sprechsingenden Eddie Argos entwickelt dabei einen ganz unverfrorenen Charme. Zu gitarrenlastigem Griffbrett-Kletter- und Klettenrock mit nur allernötigsten Akkorden, einem pochenden Bass, dumpfem Schlagzeug und beherzten Störgeräuschen geht es - ja, wie denn auch? - nicht um die Verkündigung von das triste Leben zu einem vorgestellten Besseren verändernde soziale Utopien.

Im Geiste des übermächtigen Vorbilds von Art Brut, sprich: des erhaben verrückten und heilig-zornigen Mark E. Smith und seiner seit Mitte der 70er-Jahre aktiven Klassikanern The Fall, wird hier zu repetitivem und uneinsichtigem wie unversöhnlichem und rotzigem Schmalspur-Rock in Songs wie Bad Weekend, Moving To L. A. oder Stand Down ("There's no shame in giving up!") der Ist-Zustand beklagt und verhöhnt. Wie heißt es in der Tirade My Little Brother so schön: "Why don't our parents worry about us?!"

Natürlich tritt man langfristig gesehen mit noch so inspiriertem Geschimpfe auf dem Stand. Im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Kollegen von Art Brut allerdings wird das Sensorium für unerträgliche Lebensumstände damit nicht relativiert, sondern geschärft. Vom Schimpfen zum Spucken zu Dem-"Feind"-eine-Semmeln ist es dann nur mehr ein kleiner Schritt. So muss es sein! (DER STANDARD, Printausgabe, 21.07.2005)

Von Christian Schachinger
  • Art Brut: ein Vierteljahrhundert schlechte Laune im britischen Pop, 
gefeiert mit gehässigen Hymnen.
    foto: trost

    Art Brut: ein Vierteljahrhundert schlechte Laune im britischen Pop, gefeiert mit gehässigen Hymnen.

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