Das Böse kommt von oben

28. Juli 2005, 21:16
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Die Kanadier "Death From Above 1979" und ihr spektakuläres Major-Debüt "You're A Woman, I'm A Machine"

Das mit dem höflichen, zwischenmenschlichen Umgang, das üben Jesse F. Keeler und Sebastien Grainger noch. Als die beiden von dem Major Warner unter Vertrag genommen wurden, nannten sie sich Death From Above. James Murphy, eine Hälfte des super hippen New Yorker LCD Soundsystem, wies angesichts dieses Umstandes höflich darauf hin, dass er diesen Künstlernamen bereits seit 1993 führe, und schlug vor, die beiden mögen sich doch bitte einen anderen, weniger verwechslungsanfälligen überlegen. Die Reaktion der beiden kanadischen Punkrocker war nicht gerade Gentlemen-like: Einen - Zitat! - "Rock'n'Roll- Dschihad" wünschte man Murphy an den Hals, garniert mit einer Packung F-Words für die ganze Familie.

Außer böses Blut hat das nichts gebracht. Unter Einbeziehung der Anwälte der beiden in diese Unpässlichkeit involvierten Labels einigte man sich schließlich darauf, dass Keeler und Grainger an ihr Death From Above die Jahreszahl 1979 anhängen würden - das Geburtsjahr von Grainger. Als Death From Above 1979 veröffentlichten die beiden nun ihr Debüt You're A Woman, I'm A Machine. Diese insgesamt zweite Veröffentlichung untermauert drastisch die Angriffslust und Aggression, die die beiden Freunde auch sonst so an den Tag legen. Man hat in den letzten Jahren wohl kaum ein Album gehört, das einem, komprimiert auf gerade einmal 35 Minuten und ein paar Zerquetschte, dermaßen ins Gesicht fährt.

Ausgerüstet mit nicht mehr als einem Schlagzeug, einer Bassgitarre und einem Synthie, der allerdings über weite Strecken des keine weite Strecken aufweisenden Albums Pause hat. In der Reduktion ihrer Mittel wie auch im Resultat erinnern DFA 1979 an große Namen des US-Undergrounds der 80er-Jahre. Die explosionsartigen Entladungen, die die elf Stücke des Albums charakterisieren, kommen mit derselben Wut, derselben Unerbitterlichkeit daher wie etwa die Songsammlung auf dem Doppelalbum Zen Arcade von Hüsker Dü: rein in den Song, umgerührt, dass einem schwindlig wird - und wieder raus in selten mehr als zwei Minuten.

Die maschinell anmutende Arbeitsweise von Grainger an den Fellen kennt man wiederum vom Frühwerk von Big Black, während der Verzicht auf so Firlefanz wie etwa eine Gitarre an die auch nicht gerade für besondere Zärtlichkeit bekannt gewordenen New Yorker Meuchler von Cop Shoot Cop denken lässt. Doch es gibt nicht nur ästhetische Parallelen zu genannten Künstlern. Wie diese früher scheinen Death From Above 1979 heute von einer großen Unzufriedenheit und Ablehnung gegenüber etablierten Formen und der ihnen innewohnenden Bequemlichkeit angetrieben zu sein. Und trotz der Referenzen aus der Vergangenheit, zu denen sich noch die jüngsten Veröffentlichungen der britischen Art-Punks Wire gesellen, wird hier exzessiv Innovationsarbeit getrieben.

Ihre rohe Energie führen die beiden Twentysomethings in die Disco, wo sie in all der Verwüstung, die sie dort anrichten, auch so etwas wie Funkiness freisetzen und ansonsten dem von Iggy und seinen Stooges für Punk vereinnahmten Spruch, dem mittlerweile zum leeren Slogan verkommenen "Search And Destroy", seine ursprüngliche Bedeutung zurückgeben. Gute Güte! Mit harschen, repetitiven Riff-Monstern, einem sexy Schlagzeug und einer Bissigkeit, die sich in atemberaubender und stellenweise die Nerven der Hörer schon auch etwas strapazierenden Art entlädt, wird hier Einstand gehalten, dass es einem die Kinnlade auf die Höhe der Knie senkt. Eines der definitiven Alben dieses Jahres! (Karl Fluch, DER STANDARD, rondo, 22.7.2005)

Death From Above 1979
You're A Woman, I'm A Machine
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