Kampf der Buben

28. Juli 2005, 21:16
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HipHop ist eine Lebenseinstellung. Und der Breakdance seine schönste Erfindung. Über einen männlichen Hochleistungssport und seine hoch ritualisierten Wettkämpfe

Am Ende streckt der Sieger seine kleinen, geballten Fäuste den Fotografen entgegen. "Lilou! Lilou! Lilou!" Rund 1000 Menschen grölen frenetisch, adrenalingetrieben den Namen des Siegers in die kalte Stahl- und Betonstruktur des "Palastes der Republik" in Berlin. Dort, wo der DDR-Chef Erich Honecker so oft seine sozialistischen Siege verkündet hatte.

Lilou ist wie Honecker von kleiner Gestalt. Er ist vielleicht 1,55 Meter groß, und auch er trägt eine dicke Brille. Er sieht aus wie jemand, den man in der Schule als Streber und Feigling beschimpfen und belachen würde. Er sieht aus wie jemand, den man unterschätzt, wie ein Außenseiter. Vor dem Kampf hatte er ein Arafat-Tuch und einen komischen Hut getragen. So hatte er sich schon äußerlich von seinen Gegnern abgegrenzt, die in dicken Turnschuhen, Basketball-Shirts und Baseball-Kappen angetreten waren. Jetzt kniet Lilou über seinem Preis, einem breiten Ledergürtel, hinter dem er mit seiner zierlichen Gestalt zu verschwinden droht. Er schaut ernst, so als wolle er sagen: "Ich hab's euch gezeigt. Oder will noch jemand eine Abreibung?"

Lilou, Weltmeister der B-Boys, des Breakdance

Lilou ist ein echter Sieger. Der kleine Franzose ist kein Boxer im Fliegengewicht. Er ist Weltmeister der B-Boys, des Breakdance. Es ist ein inoffizieller Titel, weil es keine offizielle Meisterschaft gibt. Er hat ihn beim "Red Bull BC One" gewonnen. Dort waren 16 der weltbesten Tänzer von fünf Kontinenten gegeneinander angetreten. Man darf sich unter einem solchen Wettbewerb kein Ringelreihen mit Musik vorstellen. "Battles", wie die Wettkämpfe in der Szene genannt werden, sind hoch ritualisierte Wettbewerbe, die ursprünglich auf den Straßen New Yorks die Streetfights der Gangs ersetzten.

"Breaking, auch bekannt als B-Boying", sagt etwa der Sänger Doze, "ist ein Wettstreit, ein kriegsähnlicher Tanz, bei dem man versucht, den Kontrahenten möglichst schlecht aussehen zu lassen." Zwei Tänzer treten unter der Anfeuerung des Publikums in einer hochaufragenden Arena gegeneinander an. Dazu gehört, dass man sich provoziert - mit Zunge, Blicken, unmissverständlichen Gesten oder den besseren "Moves". Schließlich ist "Breakdance" wie die gesamte HipHop-Kultur eine vor allem männliche Kultur, in der Frauen vor allem als "Bitch" oder "Mom" vorkommen. Zwar gibt es im Zuge der Emanzipation mittlerweile auch B-Girls, aber die werden ähnlich kritisch beäugt wie der Frauen-Fußball.

Den Kampf der Tänzer leitet ein Zeremonienmeister

Der Kampf der Tänzer wird geleitet von einem Zeremonienmeister, der das Publikum anheizt, einem DJ, der zufällig Musik auswählt, und einer Jury, die den dreiminütigen Tanz bewertet. Für den einen oder den anderen.

Regeln gibt es keine, außer die, dass sich die Kontrahenten nicht berühren dürfen, und die, dass man versucht, "seinen Gegner mit besonders abenteuerlichen "Moves", einem herausragenden Rhythmusgefühl und einer tollen Improvisation fertig zu machen. Wer das alles zu einer spontanen Choreografie perfekt zusammenbringt, der beweist einen starken "Flow". Das sagt Thomas Hergenröther. Er ist 36 und der Organisator und Erfinder des "Battle of the Year", des Wettbewerbs, der sich seit 1990 als die zentrale Breakdance-Veranstaltung durchgesetzt hat. Anders als beim "BC One" kämpfen beim "Battle of the Year" Gruppen gegeneinander, die so genannten Crews. Große Kämpfe werden von der Szene ebenso mythisch gehortet und gepflegt wie Fußballklassiker.

Breakdance ist heute Hochleistungssport

Wie alle B-Boys hat sich Hergenröther das Tanzen vor allem selbst beigebracht, zu einer Zeit, als es noch fast keine Videos gab, bei denen man sich Anregungen holen konnte. "Breakdance hat eine wahnsinnige Entwicklung durchgemacht. Die Szene ist riesig. Das ist heute Hochleistungssport und unglaublich professionell. Viele der Tänzer trainieren jeden Tag bis zu fünf Stunden. Die meisten sind ziemlich jung. Zwischen 12 und 25. Da gehöre ich mit 36 schon zum alten Eisen."

Anders lässt sich auch gar nicht erklären, wie die Tänzer lernen, ihre Beine zu verknoten, als seien sie aus Gummi, wie sie auf dem Kopf stehend rotieren, Salti vor-und zurückspringen oder auf dem Unterarm mit in die Luft gespreizten Beinen stehen könnten. Jeder hat seine eigene Spezialität. "Wir aus Berlin sind beispielsweise immer für unsere akrobatischen Moves bekannt", sagt der deutscher Tänzer Chico. "Aber es gibt auch die mit den tänzerischen Qualitäten. Und in einem Battle ist es für die nicht einfach, weil das Publikum natürlich die spektakulären Moves will." Mittlerweile haben viele Breakdancer ihre Techniken in den modernen Tanz und in das Theater getragen, wie der Hamburger "Storm", eine Legende in der Szene, der für seine "Locking"-Technik, den roboterähnlichen Tanz, bekannt ist. Andere haben eigene Schulen, drehen Musikvideos. "Aber vom Breakdance zu leben, das gelingt nicht vielen", sagt Hergenröther.

Mit der "Rocksteady Crew" und auch Michael Jacksons "Moonwalk" begann der Tanz  seinen Siegeszug

Breakdance oder B-Boying hat sich mit der Erfindung des Break-Beats in den Siebzigern aus Kriegstänzen wie dem Capoeira, aus Salsa, dem Stepptanz, aus Kung-Fu-Techniken und Akrobatik entwickelt. Mit der "Rocksteady Crew" und auch Michael Jacksons "Moonwalk" begann der Tanz seit 1984 seinen internationalen Siegeszug. Filme wie der legendäre "Wild Style", der den Kanon des HipHop definierte, taten ein Übriges. Breakdance ist wie Graffiti, Dejaying und Rap eine der festen Säulen in der HipHop-Kultur.

Die Körperlichkeit im Breakdance, wie im gesamten HipHop, hat eine zentrale Bedeutung. Der Körper sei, so Gabriele Klein in ihrem Buch "Is this real?" (Suhrkamp), "das zentrale Medium für eine glaubhafte und gelungene theatrale Inszenierung. Durch und in der körperlichen Inszenierung wird ,Realness' verstanden als eine glaubwürdige Inszenierung von Authentizität." Dabei steht nicht im Vordergrund, wie du aussiehst, sondern was du kannst. Wem es gelingt, einen besonders glaubwürdigen Auftritt hinzulegen, dem wird vom Publikum "Streetcredibility", also Authentizität, gezollt. Er bekommt Respekt und damit künstlerische und soziale Anerkennung. Nicht nur in einer Kunstwelt, sondern im "Hier und Jetzt". "Das ist eine Lebenseinstellung", sagt auch der russische Tänzer Jora aus St. Petersburg. Denn anders als der Pop versteht sich HipHop als reale Welt.

Geschichte und Starkult haben eine besondere Bedeutung.

Sie definieren den Ethos der Szene. In Berlin wurden "Legenden" wie Storm oder Stars der Szene wie David Colas ausgelassen gefeiert. Martha Cooper, die als die "HipHop"-Fotografin gilt, hielt das Ereignis für die Geschichte fest. Und vor dem "Battle" wurde ein Film gezeigt, in dem die großen Namen des Breakdance wie Billboards auf eine Leinwand projiziert wurden. "HipHop", erklärt Hergenröther, "ist eine positive Kultur. Mit Breakdance schaffen sie es auch, schwierige Jugendliche von der Straße zu holen." Das weiß man bereits seit den Achtzigern, als die New Yorker Verwaltung B-Boy-Projekte unterstützen ließ, weil sich herausgestellt hatte, dass sich dadurch die Straßenkriminalität bekämpfen ließ.

"Um es in der Szene zu etwas zu bringen, muss man selbst etwas machen", sagt der Deutsche Rubber Leggz. Darauf beruht das Selbstverständnis des HipHop: "Do it yourself!" Der HipHop liebt die Geschichten über diejenigen, die auf der Straße ums Überleben kämpfen mussten, die sich durchsetzten, um ihr "eigenes" Ding zu machen. Helden des HipHop sind im Idealfall Außenseiter.

Am Ende des "BC One" konnte man sehen, welche Anziehungskraft dieser Tanz und welche metaphysische Bedeutung das Aufsehen zu den Königen der Straße haben. Das Rampenlicht war längst erloschen. Aber auf der Tanzfläche, wo eben noch der kleine Lilou seinen Gegner "Hong 10" aus Korea niedergetanzt hatte, stand der Nachwuchs. Junge Männer mit durchtrainierten Körpern bewegten sich im Rhythmus des Beats, zeigten Six-Steps oder standen auf den Armen, mit den Beinen in die Luft gereckt - in der Champagner-Pfütze des Siegers. (DER STANDARD, rondo, 22.7.2005)

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