"Aus die Maus!" - Kunst­staatssekretär Morak im Gespräch

26. Juli 2005, 13:13
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Die Umverteilungsde­bat­te geht weiter: Kunst­staatssekretär Franz Morak (VP) kontert im STANDARD-Interview Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP)

Und Morak erklärt im Gespräch mit Thomas Trenkler, dass die Staatsoper ihre Gewinne behalten darf. Eine Anhebung des Burgtheaterbudgets ist nicht zu erwarten.


STANDARD: SP-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny kritisierte, dass der Bund sich immer mehr aus Wien zurückziehe, speziell aus der Theaterförderung, und es sei ein Skandal, dass die neue Gruppe TAG, die das Theater an der Gumpendorfer Straße betreiben wird, kein Geld vom Bund erhält.

Morak: Der Theaterbeirat des Bundes hat die Empfehlung einstimmig gegeben. Dieser habe ich nichts hinzuzufügen, weil ich mit der Arbeit des Beirats zufrieden bin. Er blieb bei dieser Empfehlung auch nach direkten Interventionen durch das Kulturamt, was ich nicht ganz in Ordnung finde. Abgesehen davon: In Wien gibt es eine Theaterreform, die mit mir nie verhandelt wurde. Die Reform hat sicher ihre Berechtigung. Aber dann sollte der Stadtrat auch dazu stehen - und sie durchsetzen. Und nicht voraussetzen, dass der Bund sie mitträgt, obwohl er nie konsultiert wurde.

STANDARD: Mailath meint, es sei richtig, dass Wien ein Drittel der Bundessubventionen erhalte, denn die Stadt stelle samt Umland Niederösterreich auch ein Drittel der Bevölkerung. Stimmen Sie überein?

Morak: Die Stadt hat immer von den Kultureinrichtungen des Bundes profitiert. Aber das Einzige, was sie z. B. mit den Bundestheatern zu tun hat, ist das Einheben der Kommunalsteuern. Dass Wien immer nur die Hand aufhält, auch in der Kunstförderung: Das ist zu diskutieren. Als Vertreter des Bundes muss ich für eine gewisse Verteilungsgerechtigkeit eintreten.

STANDARD: Deshalb auch keine Unterstützung des Bundes für die Renovierung des Wiener Künstlerhauses? Mailath würde zahlen, wenn auch Sie . . .

Morak: Dann soll er! Wir haben diese Ausrede nicht gebraucht, als wir die Bundestheater baulich saniert haben. Und wir sind sehr oft für Wien in die Bresche gesprungen wie beim Konzerthaus und beim Musikverein. Schauen Sie sich die Daten der Statistik Austria an: Im Vergleich der Bundesländer schneidet Wien gut ab mit seinen Kulturinvestitionen. Aber Wien ist auch Gemeinde. Und im Vergleich der Bundesländer zusammen mit den Kommunen schneidet Wien nur unterdurchschnittlich ab. Diese Defizite hat der Bund jahrzehntelang kompensiert. Mir liegt Wien sehr am Herzen. Aber es kann nicht sein, dass ich eine Top-Produktion in Knittelfeld geringer fördere als eine in Wien.

STANDARD: Knittelfeld? In unserem letzten Interview haben Sie Shakespeare in Oberzeiring gerühmt. Haben wir wieder etwas verpasst?

Morak: Nein, das war nur ein Synonym. Ich hätte auch Reichenau nennen können oder Neuburg an der Mürz mit den Kulturtagen oder Ossiach mit dem Carinthischen Sommer. Oder Lockenhaus: Ein genialer vertriebener Künstler und ein kulturambitionierter Pfarrer begannen vor mehr als zwei Jahrzehnten mit einem der spannendsten Festivals, das die Welt gesehen hat.

STANDARD: Es sah wie ein Böswilligkeitsakt aus, dass Sie die Subvention für die Wiener Festwochen gestrichen haben.

Morak: Ich habe Kulturpolitik nie aus der Hüfte gemacht. Was ich eingebracht habe: dass wir uns dem "Elektrifizierten" zuwenden. Sprich: Wie gehen wir mit der modernen Unterhaltungsmusik und dem Film um? Wie schauen die neuen Kulturäußerungen aus, zum Beispiel im Bereich Mode, Design, Architektur? Hier ist es mir gelungen, die Budgets auszuweiten. Beziehungsweise: Es kam zu Umschichtungen, die ich mit großer Sensibilität vorgenommen habe. Daher: Was sind drei Prozent des Budgets für ein Festival, das sich vor allem aus Gastspielen zusammensetzt? Das sind aber zwölf bis 15 Prozent bei den freien Kulturinitiativen! Der soziokulturelle Aspekt ist mir sehr wichtig. Und in diesem Bereich ist noch einiges zu tun. Deshalb habe ich auch den Musikfonds gegründet. Österreich war lange ein Musikexportland, und es spricht überhaupt nichts dagegen, warum wir das nicht wieder werden sollen. Der Musikfonds ist ein Anstoß, eine junge Generation quer durch die Richtungen wieder in Produktion zu bringen.

STANDARD: Es scheint auch keine jungen Dramatiker mehr in Österreich zu geben.

Morak: Ich habe einmal in der Komödie der Eitelkeit gespielt. Elias Canetti war bei den Proben. Er saß im Saal - und war der einsamste Mensch im Burgtheater. Die Theater haben sich eine große Mauer gebaut aus Dramaturgen, die Autoren nur bewerten. Zudem sind die Autoren an dem großen finanziellen Kuchen, der im Theater verteilt wird, zu wenig beteiligt. Da muss man sich schon fragen: Wie gehen die Theater mit ihrer Lebensgrundlage um? Wir vergeben viele Stipendien, können also die Einsamkeit finanzieren, aber wir können nicht den Zugang zum Arbeitgeber organisieren. Allen Theatern täte es gut, die Schreibenden mehr zum Theater zu führen.

STANDARD: Darf Staatsoperndirektor Ioan Holender nun seine Gewinne behalten, obwohl die anderen Bundestheater ein Defizit einfahren werden?

Morak: Ja, er kann seine Gewinne behalten. Ein Prinzip der GmbH ist: Erfolg muss sich lohnen. Und es wird zu einer finanziellen Erleichterung für die Volksoper kommen durch die Zusammenführung der Ballette. Anfang September wird die Lösung präsentiert. Und die Burg ist im internationalen Vergleich äußerst gut dotiert. Diese Anstrengungen soll man auch einmal würdigen: Man muss dem Steuerzahler erklären, dass das, was hier finanziell geleistet wird, außergewöhnlich ist. Man weiß im Ausland sehr wohl, dass hier viel für Kultur getan wird. Das weiß man auch in China. Wir sind in der Welt eben nicht nur mit Formel-1-Rennfahrern unterwegs.

STANDARD: Was wollen Sie damit sagen? Dass es nicht mehr Geld geben wird?

Morak: Ich werde dem Finanzminister natürlich nicht über den STANDARD ausrichten, dass ich nie wieder wegen einer Budgeterhöhung anklopfen werde. Aber: Die Welt besteht nicht nur aus Theater oder Oper. Die Kulturpolitik hat auch andere Aufgaben wahrzunehmen.

STANDARD: Der Rechnungshof kritisierte, dass Ihre Geburtstagsparty vom Kunsthistorischen Museum bezahlt wurde.

Morak: Das war eine Werbeveranstaltung des Museums mit Multiplikatoren - und zufällig mein Geburtstag. Aber ich habe meine Schlüsse gezogen: Ich werde in keinem Museum, in keinem Theater mehr meinen Geburtstag feiern. Aus die Maus! (DER STANDARD, Printausgabe, 21.07.2005)

Zur Person

Franz Morak, 1946 in Graz geboren, war Schauspieler, Regisseur und Rockmusiker. Als Ensemblesprecher des Burgtheaters zog er gegen Claus Peymann zu Felde. 1994 wurde er Kultursprecher der ÖVP, seit 2000 ist er Staatssekretär für Kunst und Medien.
  • Franz Morak auf Konfrontationskurs: "Dass Wien immer nur die Hand aufhält, auch in der Kunstförderung: Das ist zu diskutieren."
    foto: standard/christian fischer

    Franz Morak auf Konfrontationskurs: "Dass Wien immer nur die Hand aufhält, auch in der Kunstförderung: Das ist zu diskutieren."

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