Schweitzer: "Bin das Gegenüber von Gehrer"

27. Juli 2005, 15:05
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Sportstaatssekretär Karl Schweitzer kann sich eine Wiedervereinigung von FPÖ und Orange durchaus vorstellen

STANDARD: Durch den neuen Staatssekretär im Außenministerium, Hans Winkler, ist vielen erst bewusst geworden, dass es da ja noch sechs andere gibt. Was macht ein Sportsstaatssekretär eigentlich?

Schweitzer: Es ist vielleicht denen bewusst geworden, die sich wenig bis gar nicht für die Politik interessieren. Wenn Sie sich im Sport umhören, dann werden Sie sicherlich mehrheitlich zu hören bekommen, dass es Gott sei Dank jemanden gibt in der Bundesregierung, der sich um den Sport kümmert. Ich habe die Sportlandschaft gemeinsam mit den Verantwortlichen in den Verbänden sehr stark verändert. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, dass wir den Spitzensport fördern und Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung schaffen. Und dass wir uns intensiv um den Breitensport bemühen. Ein wichtiges Thema ist der Behindertensport sowie die Bewerbung, Organisation und Durchführung von sportlichen Großveranstaltungen. Im BZÖ bin ich auch verantwortlich für den Bereich Gesundheit. Und ich bin das Gegenüber von Elisabeth Gehrer im Bildungsbereich.

STANDARD: Ist das Amt des Staatssekretärs ein unbedankter Job?

Schweitzer: Natürlich ist es ein Unterschied, ob man ein Minister ist oder ein Staatssekretär. Ich bin dem Bundeskanzler unterstellt, aber mit einem eigenen Aufgaben- und Wirkungsbereich. Im Bereich des Sports findet diese Arbeit große Akzeptanz und ist für mich sehr zufrieden stellend. Mir macht das wenig aus, wenn hier eine öffentliche Debatte vom Zaun gebrochen wird.

STANDARD: Früher hat die – damals noch – FPÖ immer eine schlanke Regierung gefordert, jetzt braucht man plötzlich sieben Staatssekretäre. Wieso?

Schweitzer: Ich bin nicht da, um zu beurteilen, wie wichtig meine Kollegen in ihren Bereichen sind.

STANDARD: Stichwort "Sport auf Krankenschein". Bekommt man künftig statt eines Medikamentes den Besuch im Turnverein verordnet?

Schweitzer: Das ist unser großes Langzeitprojekt. Und das rechnet sich auch budgetpolitisch. Das "Krankheitssystem" ist ja nicht mehr finanzierbar. Solange die Prävention im Gesundheitssystem keine Rolle spielt, ist es ein Krankheitssystem. Wenn wir erst dann unsere Leistungen anbieten, wenn der Krankheitsfall bereits eingetreten ist, dann ist es einfach zu spät und zu kostspielig. Wir geben heute bereits elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes für das Krankheitssystem aus. Das ist viel zu viel. Die Kosten steigen weiter an. Und die Antworten können ja nicht immer Leistungskürzung und Beitragserhöhung heißen. Die flächendeckende Umsetzung der Sport- Maßnahmen im Rahmen unseres Projektes "Fit für Österreich" würde ein Sparpotenzial von 1,7 Prozent des BIP bewirken oder rund 3,6 Milliarden Euro. Wer hindert uns daran, das sofort umzusetzen?

STANDARD: Wer? Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, die Ärztekammer?

Schweitzer: Im Krankheitsministerium beginnt man schön langsam umzudenken. Aber die Widerstände befinden sich nach wie vor in wesentlichen Bereichen des Krankheitssystems. Viele Ärzte haben ein Problem damit, wenn die Prävention in Hinkunft eine größere Rolle spielen soll. Es haben auch viele andere Vertreter der Krankheitsindustrie offensichtlich ein Problem damit, weil sie ihr Geschäft gefährdet sehen.

STANDARD: Zwingt die finanzielle Misere im Gesundheitsbereich nicht zum Umdenken?

Schweitzer: Ja, aber zu langsam. Ich wünsche mir ein gemeinsames Bekenntnis der Regierungsverantwortlichen zur Prävention. Wir haben Übungsleiter in den Sportverbänden so weit ausgebildet, dass sie mit ihren Vereinen in der Lage sind, gesundheitsfördernde Bewegungsprogramme flächendeckend anzubieten. Jetzt brauchen wir nur mehr den politischen Willen. Es müssen die Sozialversicherungen mitspielen und die Ärztevertreter. Aber es fehlt an Überzeugung. Das Loch in den kranken Kassen wird das aber irgendwann zwingend notwendig machen. Es ist nur die Frage, ob man solange warten will.

STANDARD: Wird die Fußball- EM 2008 trotz Einspruch der unterlegenen Bieter in Klagenfurt stattfinden?

Schweitzer: Da ist ja niemand mehr zuständig. Sowohl der unabhängige Verwaltungssenat als auch die Bundesvergabekommission erklären sich unzuständig. Die EM findet also 2008 in Österreich statt.

STANDARD: Ihre Einladung zur "Zukunft Bewegtes Österreich" erinnerte frappant an das BZÖ- Erscheinungsbild. Hat man ob der knappen Finanzen solche Schleichwerbung nötig?

Schweitzer: Meine grünen Kritiker Pilz und Sburny, die ich zu der Veranstaltung eingeladen habe, sind nicht erschienen. Aber es waren viele Dachverbandsvertreter da.

STANDARD: Glauben Sie nicht, dass sich da vielleicht jemand vertan hat und eigentlich zum BZÖ kommen wollte?

Schweitzer: Wenn jemand sagt, das BZÖ interessiert mich, und dorthin kommt, werden wir ihn nicht nach Hause schicken.

STANDARD: Assoziationen mit dem BZÖ durch die orange Farbe der Broschüre verstehen Sie nicht?

Schweitzer: Na hätten wir's schwarz machen sollen?

STANDARD: Sie sind bereits 1971 in die FPÖ eingetreten, was hat sich denn für Sie geändert, seit Ihre Parteifarbe Orange ist?

Schweitzer: Für mich persönlich hat sich vor allem eines geändert: Ich habe nicht mehr so viele Partei-Repräsentationstermine wie früher. Sonst versuche ich das zu tun, was ich vorher auch gemacht habe.

STANDARD: Verkörpern Sie jetzt eine andere Art von Politik?

Schweitzer: Nein.

STANDARD: Warum sind Sie dann zu Orange gewechselt?

Schweitzer: Für mich hat sich die Frage gestellt, ob ich das weiterführe, was ich begonnen habe. Und ich habe mich dafür entschieden.

STANDARD: Egal, ob unter blauem oder orangen Dach?

Schweitzer: Ich komme vom Sport und um den geht es.

STANDARD: Sind sie mit Leidenschaft ein Oranger?

Schweitzer: Ich bin mit Leidenschaft Politiker, weil ich Anliegen habe.

STANDARD: Was halten Sie von Ex-Kollegen wie Heinz-Christian Strache?

Schweitzer: Ich habe früher viele seiner Ansichten nicht geteilt – so auch heute.

STANDARD: Würden Sie denn analog zu SP-Chef Alfred Gusenbauer, der die ÖVP als die schmutzigste Partei bezeichnet hat, der FPÖ eine ähnliche Beurteilung ausstellen?

Schweitzer: Ich versuche immer den konstruktiven Ansatz zur Grundlage meines Handelns zu machen. Ich möchte gute Arbeit machen und die dann auch gut verkaufen.

STANDARD: Ihre Einstellung zur FPÖ heute?

Schweitzer: Das, was von der FPÖ geblieben ist, ist nicht mehr die FPÖ, in der ich groß geworden bin.

STANDARD: Macht Sie das traurig?

Schweitzer: Natürlich ist es Anlass, um wehmütig zu sein.

STANDARD: Können Sie eine Wiedervereinigung mit der FPÖ ausschließen?

Schweitzer: Ausschließen würde ich gar nichts.

STANDARD: Was muss sich ändern, um zusammenzugehen?

Schweitzer: Das ergibt sich oder ergibt sich nicht. Es kommt auf die Arbeit an. (DER STANDARD, Print, 21.7.2005)

Das Gespräch führte Karin Moser.

Zur Person

Karl Schweitzer (52), früher Geografie- und Turnlehrer, wurde 1996 FP- Bundesgeschäftsführer, 2001 FP-Generalsekretär. Seit 2003 kümmert er sich als Staatssekretär um den Sport.

Karl Schweitzer über ...

Abseits
Oft stellen sich die Leute selbst ins Abseits. Ich möchte lieber nicht im Abseits stehen und nicht zurückgepfiffen werden.

Chance
Chancen muss man unbedingt nutzen. Wenn man sie geboten bekommen hat, dann hängt das sehr stark von einem selbst ab, ob man sie nutzt oder nicht. Ich habe versucht, die mir gebotenen Chancen im Rahmen meiner Möglichkeiten zu nutzen.

Gesundheit
.. ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles andere nichts.

Image
Da kann man im verschiedenen Bereichen ein völlig widersprüchliches haben. Gerade als einer, der im Sport tätig ist, sehe ich manchmal noch diese Gegensätze: Während Sportler in sportinteressierten Kreisen ein sehr gutes Image haben, haben sie in anderen Kreisen, die nach wie vor glauben, wer die Sportseiten liest, gehört nicht zu den Intellektuellen, ein nicht so gutes Image.

Orange
Ist eine sehr schöne Farbe, auch eine Modefarbe.

ÖVP
Ist unser Regierungspartner, mit dem wir gemeinsam viel weitergebracht haben. Ihre Vertreter sind natürlich darauf bedacht, gemeinsame Erfolge als die ihren darzustellen. Und das gelingt auch aufgrund des großen Einflusses in alle Bereiche sehr gut.

Parteifreunde
Freunde kann ich mir aussuchen, manche kommen auch aus der Partei.

  • Karl Schweitzer blickt wehmütig auf alte FP-Zeiten zurück. Eine Reunion mit den Blauen schließt er nicht aus.
    foto: standard/regine hendrich

    Karl Schweitzer blickt wehmütig auf alte FP-Zeiten zurück. Eine Reunion mit den Blauen schließt er nicht aus.

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