D-Day - der Donnerstagsunfug

21. Juli 2005, 18:52
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Das Spiel beginnt so, dass das PR-Mädchen anruft und fragt, ob denn die Einladung der Agentur angekommen sei ...

Es ist alle paar Tage. Und es ist immer gleich. Das PR-Agentur-Mädchen am anderen Ende der Leitung und ich wissen das. Aber weil das Teil des Rituals ist, können wir uns nicht drüberschwindeln: die Donnerstagsdiskussion muss geführt werden. Jede Woche aufs Neue.

Das Spiel beginnt so, dass das PR-Mädchen (es sind fast immer Frauen, die diesen Job umgehängt bekommen) anruft und fragt, ob denn die Einladung der Agentur XY angekommen sei. Und ob ich eh käme. Weil es dem Einladenden ein persönliches Anliegen sei ... (obwohl: diese Lüge haben wir – die Societyschreiber – den meisten PR-Mädchen schon abgewöhnt. Ganz so blöd wie wir uns im Angesicht der versammelten Lugners stellen müssen, sind wir auch wieder nicht.). Ich unterbreche. Und sage, ich wisse nicht, welchen Event sie meine. Und wann und wo der stattfinde. Weil ich mir – wenn überhaupt – nicht die PR-Agentur, sondern die Titel der Veranstaltungen merke.

Standardgesprächsablauf

An dieser Stelle entschuldigt sich das PR-Mädchen: Sie wisse das. Das würden ihr alle sagen. Aber sie habe gelernt, bei Presse- und Gästelisten nachzufragen. Der Event fände im übrigen ... ­ und da falle ich dem PR-Mädchen wieder ins Wort und beende ihren Satz ­ am Donnerstag statt. Um 19 Uhr. Oder um 19.30 Uhr.

Jetzt ist wieder das PR-Mädchen dran: Stimmt, kichert sie. Woher ich das denn wisse – wo sie mir doch noch gar nicht gesagt habe, welche Veranstaltung sie meine. Und dann seufzen wir beide. Weil es in nicht mehr als 15 Sekunden Praxis braucht, um zu wissen, dass jeder Eventmacher den Donnerstag bucht. Und – da ist dann das PR-Mädchen dran allein zu seufzen – es sei müßig zu versuchen, irgendeinem schicken Auftraggeber zu erklären zu versuchen, dass der Donnerstag schwer zu verkaufen ist.

Erster Tag

Denn, klagen die PR-Mädchen, wie soll man einem Kunden, der schließlich für die Ausrichtung einer Veranstaltung die seinen Namen trägt, viel Geld hinlegt denn erklären, dass der zweit- oder drittbeste Tag für seinen erstklassigen Namen – besuchertechnisch – besser sei? Ein Erfolgsmanager sage doch höchstens: Er wisse, dass der Donnerstag schon immer der schickste Ausgehtag war – und deshalb denke er nicht im Traum daran, auf einen anderen Tag auszuweichen.

Die Adabei-Presse werde schon kommen. Schließlich hätten (hier, lachen die PR-Mädchen – wenn man sich schon länger kennt - komme die übliche Liste der heimischen Halb- und Scheinprominenten) alle zugesagt. Und für den Hinweis, dass diese Leute unter Garantie auch auf den Zusagelisten aller anderen Donnerstagsevents stehen, seufzen die PR-Mädchen, sind Chefs taub. Prinzipiell. Umso ungehaltener seien sie nachher. Wenn weder die Vorzeigegesichter noch die die Vorzeigegesichter ablichtenden Fotografen aufgetaucht seien. Dann, sagen die PR-Mädchen, habe die Agentur versagt.

Zusage

Und weil das sehr unangenehm sei, bitten die PR-Mädchen, möge ich doch fix zusagen. So wie der X. und die Y. auch. Mit denen hätte ich, wissen die PR-Mädchen, eh immer Spaß. Donnerstags. Meistens sage ich dann zu. Weil es eh wurscht ist. Und rufe den X. und die Y. an. Dann beschließen wir, wo wir in welcher Reihenfolge hingehen. Und in welcher Reihenfolge wir – wenn es geht - die Geschichten „spielen“. Weil es doof wirken würde, wenn jeder von uns an den terminarmen Tagen eine Geschichte brächte, die bei den anderen schon war.

Hin und wieder versucht dann einer von uns bei einem Einlader die Donnerstagsfrage zu stellen: Die Zeiten, in denen den Schülern die Samstag- und den Lehrlingen die Freitagnächte gehörten und das Studenten- und Kreativvolk zeigen konnte, dass es am Freitag müde sein durfte, seien doch längst vorbei, sagen wir.

Agenturempfehlung

Manchmal nicken die Werbe- und Marketingmenschen dann. Das, sagen sie dann, sähen sie ja genauso. Aber die Event- oder PR-Agentur die man mit der Organisation beauftragt habe, habe dringend gewarnt, einen anderen Tag zu wählen: Der Donnerstag sei der beste Tag. Das sei so. Auch wegen der Presse. Zum Beweis, sagen die Eventauftraggeber, würden die PR-Mädchen dann immer die Gäste- und Journalistenzusagelisten vergangener Events vorlegen – und an Donnerstagen seien die immer am längsten.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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