Sind Unternehmen unmoralisch?

31. Juli 2005, 18:21
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Wirtschaftspsychologe Franz Schaudy für klare Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Verantwortung und neue Spielregeln für die Börse

derStandard.at: VW und Infineon sind nach Meinung von Experten in Sachen Korruption in Unternehmen nur die Spitze eines Eisberges. Das suggeriert, dass Unternehmen in hohem Ausmaß korrupt sind. Ist das "künstliche Aufregung" oder berechtige Sorge?

Franz J. Schaudy: Wenn bei einer nationalen Institution wie VW, die noch dazu ein Biedermann Image besitzt, Korruption und andere unsaubere Machenschaften sichtbar werden, dann muss es eine große Aufregung geben. Ähnlich den Sex-Skandalen in der katholischen Kirche vor nicht allzu langer Zeit... In allen Organisationen, in denen Menschen agieren, gibt es Unmenschlichkeit, aber nach wie vor bei weitem mehr Menschlichkeit!

derStandard.at: Bürger wie Unternehmen versuchen Versicherungen so extensiv zu nützen wie möglich, so viele Steuern zu "sparen" wie möglich. Wann sind die Grenzen des guten Geschmacks überschritten?

Schaudy: Es gibt keine Organisation, kein System, angefangen vom Staat über Unternehmen bis zur Familie und der eigenen Person, in dem nicht amoralisches Potenzial schlummert. Die Grenzen werden in der Sozialisation des Einzelnen und in einer gesellschaftpolitischen (unbewussten) Abmachung gesetzt. Der gute Geschmack wird nur dort und dann überschritten, wenn das öffentliche - mehrheitliche - Bewusstsein es als Amoraltät empfindet.

derStandard.at: Es scheint so, als wäre in der Wirtschaftsbranche Geld das einzige Motiv für "Kriminalität" und als wären besonders gut dotierte Positionen besonders anfällig. Ist dieser Eindruck richtig?

Schaudy: Auf gar keinen Fall! Geld ist niemals das einzige Motiv. Es geht nie nur um materielle Werte. Es gibt alle Arten von Zwängen, es gibt die Lustangst, Borderline etc.... Störungen in der Sozialisation, in der Entwicklung. Sie sind bei gut dotierten Positionen nur weniger "verständlich", wie eben auch bei einem "lieben und braven Familienvater" Perversitäten mehr schockieren.

derStandard.at: Fünf bis zehn Prozent an Wirtschaftskorruption (bezogen auf Deutschland) - hieß es in einer eben besprochenen Studie – würde aufgedeckt. Scheint Ihnen diese Zahl angemessen? Wenn ja, würde sie nicht auch dafür sprechen, dass ein gewisses Ausmaß gesellschaftlich "eingerechnet" und "toleriert" wird?

Schaudy: Das mag durchaus stimmen. Das allgemeine gesellschaftspolitische Committment bestimmt die Toleranzgrenzen. In manchen Ländern ist es selbstverständlich bei ROT über die Straße zu gehen, in anderen Kulturen (vorausgesetzt, dass es Ampeln gibt) erscheint es fast undenkbar...

derStandard.at: Gibt es Strukturen, die gerade in der Wirtschaft "Kriminalität" begünstigen? Oder ist es der reine "Überlebenstrieb", der zu außergesetzlichem Handeln verleitet?

Schaudy: Das derzeitige große Ungerechtigkeitsgefühl bei gleichzeitiger Selbsterhöhung - quer durch alle Schichten -, die enorme gesellschaftliche und individuelle Verunsicherung, die fehlenden moralischen Grenzen - alles zusammen fördert "Kriminalität".

derStandard.at: Gibt es Maßnahmen, die gesetzt werden müssten/könnten um vorzubeugen?

Schaudy: Es müssen klare Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Verantwortung geschaffen werden mit Gültigkeit für jedes Unternehmen! Neue - moralisch verantwortliche - Spielregeln für die Börse sind eine der dringlichsten Maßnahmen.

derStandard.at: Haben Wirtschaftsbetriebe einen Moralanspruch zu haben?

Schaudy: Selbstverständlich. Jeder von uns ist dafür verantwortlich, in seinem Wirkungsbereich für eine humanere Welt einzutreten! (red)

  • Franz Schaudy ist spezialisiert auf Beratung bei Unternehmens- gründungen für Aufsichtsräte, Partner von HILL International und YVON Media.
    foto: privat

    Franz Schaudy ist spezialisiert auf Beratung bei Unternehmens- gründungen für Aufsichtsräte, Partner von HILL International und YVON Media.

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