"Als studierter Mensch muss er wissen, ob es dem Herrn noch gut geht"

20. Juli 2005, 17:45
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Polizisten schieben Schuld auf Arzt und Ausbildung - Beamten wurde nie gezeigt, wie man jemanden fesselt

Wien - Im Wiener Landesgericht ist am Mittwoch der Prozess um den Tod des am 15. Juli 2003 im Stadtpark ums Leben gekommenen Cheibani Wague fortgesetzt worden. Auf dem Programm stand die Einvernahme der Angeklagten.

"Als studierter Mensch muss er wissen, ob es dem Herrn Wague noch gut geht"

Ob er heute etwas anders machen würde, wollte die Staatsanwältin vom ersten Polizisten wissen, der zu diesem Komplex einvernommen wurde. "Ich würde öfters die Atmung kontrollieren. Ich würde auf das Auftreten des Herrn Wague achten, ob er nach Atem ringt. Ich würde den Arzt grundsätzlich nicht von meiner Seite weichen lassen. Als studierter Mensch muss er wissen, ob es dem Herrn Wague noch gut geht", erklärte der Polizist.

Auch eine Polizistin machte dem Notarzt neuerlich den Vorwurf, über weite Strecken untätig geblieben zu sein. Dieser habe sich nach der Spritze nicht weiter um Wague gekümmert. Auf ihre Frage, ob mit dem Puls alles in Ordnung sei, habe sich dieser nur weggedreht und "Passt schon" gemeint.

Amtshandlung war schon abgeschlossen

"Die Amtshandlung sei an sich schon abgeschlossen gewesen, als Wague plötzlich aus dem Krankenwagen sprang, in den man ihn zur Beruhigung auf einer Bahre geschoben hatte. Wague sei dann auf einen Kollegen "gesprungen", habe auf die Beamten einzutreten begonnen. Er habe ihn zu bändigen versucht. Seine Kollegen seien ihm zu Hilfe gekommen", schilderte der 31-jährige Polizist.

Wague wurde zu Boden gerungen. Cheibani habe dann mit seinem Kopf ständig absichtlich auf den Asphalt geschlagen, was die Beamten verhindern wollten: "Ich hab' mich auf seinen Kopf konzentriert. Kopfverletzungen sind nicht so lustig. Wir sind da, um zu helfen, nicht damit etwas passiert."

Nach der Spritze erlahmte Widerstand

Dass sich Cheibani Wague in Bauchlage befand, habe sich "durch das Niederreißen ergeben". Dieser habe weiter Widerstand geleistet, bis ihm der Notarzt eine Haldol-Spritze verabreichte. Nach der Spritze sei der Widerstand zwei bis drei Minuten später erlahmt, sagte der Beamte. Wague sei "in dem Bereich, den ich gesehen habe" nicht geschlagen worden. Er selbst habe die Atmung und den Puls des Mannes kontrolliert und sich gedacht: "Toll, die Spritze wirkt!"

Kein Puls mehr

Erst der Notarzt stellte fest, dass Wague keinen Puls mehr hatte. Dieser wurde darauf in Seitenlage gebracht. Es dauerte immerhin zwei Minuten, ehe man den offenbar leblosen Mann in den Rettungswagen brachte.

Eklatanter Ausbildungsmangel

Im weiteren Verfahrensverlauf kam ein teilweise eklatanter Ausbildungsmangel bei den Polizisten ans Tageslicht. Ein Beamter gab an, niemals dahin gehend geschult worden zu sein, wie man eine Fesselung oder Fixierung durchführt. "Ich habe bis heute keine Schulung gehabt", erklärte der Polizist der seit 1992 bei der Polizei arbeitet, auf die Frage, ob man ihm keine korrekte Fesselungstechnik beigebracht habe. "In Bezug auf Cheibani Wague habe er deswegen "nicht gesehen, dass da etwas passieren könnte."

Staatsanwältin Sabine Rudas-Tschinkel fand das "beunruhigend" und kommentierte diese Angaben mit Kopfschütteln: "Das ist wie Fahren ohne Führerschein."

Umgang mit psychisch Kranken isz freiwillige Ausbildung

Ein anderer Polizist gab zu seiner Ausbildung an, es finde alle zwei Jahre eine dreitägige Schulung statt, wo den Beamten vor allem die wichtigsten gesetzlichen Änderungen beigebracht werden. Kurse im Umgang mit psychisch Kranken fänden auf Freiwilligenbasis statt, wofür sich aber oft nur zehn Teilnehmer interessieren.

Ein dritter Polizist berichtete, zwar an einer berufsbegleitenden Fortbildung teilgenommen zu haben. Wie man jemanden fesselt, bekam er allerdings seiner Aussage nach ebenfalls nicht zu sehen: "Wenn mir das erklärt worden wäre, wäre mir das noch in Erinnerung."

Einer der Verteidiger kündigte darauf an, er werde auf der Ladung eines Ausbildners der Sicherheitswachebeamten bestehen, um diesen "zur fehlenden Schulung bis dato" zu befragen.

Polizistin stand auf Oberschenkel

Auf dem Video, das ein Anrainer von seinem Balkon aus aufgenommen hatte und das einen Teil der tödlichen Amtshandlung zeigt, ist auch zu sehen, wie eine Polizistin mit einem Bein auf Cheibani Wagues rechtem Oberschenkel steht. Sie habe ihn "aus Eigensicherung stehend fixiert", zumal sie ein Funkgerät in der Hand gehabt habe, erklärte die Beamtin in der Verhandlung.

Aus ihrer Erfahrung heraus sei es so, dass bei einer tobenden Psychose, die angemommen wurde, nach einer Ruhephase "immer wieder der totale Gewaltausbruch kommt", erklärte die Beamtin. Daher habe sie die Fixierung beibehalten, nachdem der Notarzt eine Beruhigungsspritze verabreicht hatte. Auch als Wague Fußfesseln angelegt wurden, blieb die Beamtin auf ihm stehen: "Ich wollte auf Nummer Sicher gehen, dass es zu keinem Gewaltausbruch kommt."

Die 33-jährige Polizistin betonte allerdings, ihr gesamtes Körpergewicht wäre stets auf das "Standbein" verlagert gewesen und nicht auf dem auf Wague platzierten. Sie habe außerdem "Fühlkontakt" gehalten.

Sanitäter wollten "mithelfen"

Die drei Sanitäter wollten nach eigenen Angaben bei der Amtshandlung "mithelfen", nachdem sie von der Polizei dazu aufgeordert wurden. Deswegen fixierten sie Cheibani Wague an den Fußknöcheln. Einer von ihnen behauptete in seiner Einvernahme, Wague habe nach Verabreichung der Spritze noch eine "leichte Gegenwehr" geleistet.

Keine Hektik

Der Richter wunderte sich, dass vom Zeitpunkt der Feststellung, dass Wague keinen Puls mehr hatte, bis zu seiner Verbringung in den Rettungswagen zwei Minuten und neun Sekunden verstrichen, in denen offensichtlich keine Hektik ausbrach. "Mir ist die Zeit nicht so lange vorgekommen", meinte dazu ein Sanitäter. Kommentar des Gerichtsmediziners: "Da ist jede Sekunde kostbar."(APA)

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