Gratispillen für die Ärzte, Kritiker schlucken schwer

27. Juli 2005, 19:53
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Buchautor Hans Weiss vermutet Praxis dahinter, dass geschenkte Pillen bei Krankenkassen normal abgerechnet werden

Pharmafirmen sollen Ärzten, die Hausapotheken führen, bis zu 100 Prozent Rabatt geben - in Form von Gratismedikamenten. So genannte Naturalrabatte sind gesetzlich gedeckt, doch die Höhe der Nachlässe macht für Ärztevertreter und Pharmaindustrie "keine gute Optik".

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Wien - Für die einen ist es eine ganz normale Geschäftspraxis, wenn Pharmafirmen Ärzten, die auch eine Hausapotheke führen, bei der Abnahme einer bestimmte Menge an Medikamenten eine gewisse Menge gratis dazugeben. Rabatte, im konkreten Fall "Naturalrabatte", seien eben üblich, wie in anderen Bereichen der Wirtschaft auch.

100 Prozent Rabatt ...

Für andere stellt sich die Frage, ob die Preise für Medikamente nicht überhöht seien, wenn die Pharmafirmen Rabatte bis zu 100 Prozent und mehr gewähren. Laut einem Bericht des Ö1-"Morgenjournal" erhebt der Journalist Hans Weiss - u. a. Koautor des Buches "Bittere Pillen" - schwere Vorwürfe gegen diese Geschäftspraxis in der Arztpraxis. Laut Weiss, der sich auf Unterlagen aus der Pharmaindustrie beruft, in denen Ärzte in ganz Österreich aufgelistet seien, würden zirka 40 Prozent aller Medikamente in Österreich verschenkt. Insgesamt haben die Österreicher im Vorjahr 2,3 Mrd. € für Medikamente ausgegeben.

Im Gespräch mit dem STANDARD nennt Weiss ein Beispiel. So habe ein Arzt im nördlichen Niederösterreich von 1. bis 31. Juli 2002 bei einer Firma insgesamt 210 Packungen Medikamente im Wert von 4400 Euro bestellt. Weiss: "212 Packungen im gleichen Wert hat dieser Arzt dann gratis bekommen." Dabei habe es sich nicht um Proben für neue Präparate gehandelt, sondern um Medikamente, die es schon derart lange gebe, "dass bei manchen der Patentschutz schon längst abgelaufen ist". Das werfe, so Weiss, schon die Frage auf, ob die Medikamentenpreise nicht wahnsinnig überhöht seien, "wenn die Firmen so einen großen Anteil verschenken können". Und natürlich liege der Verdacht nahe, dass diese geschenkten Pillen bei den Krankenkassen normal abgerechnet würden.

Die Rabattliste sei bekannt, heißt es aus dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Der Verdacht, dass die Gratismedikamente zulasten der Kassen weiterverrechnet worden sein könnten, wurde bisher nicht erhärtet. Man führe aber Gespräche mir dem Büro für Innere Angelegenheiten im Innenministerium. Beate Hartinger, Vizechefin des Hauptverbandes dazu im "Morgenjournal": "Es gibt Gerüchte, wir sind dabei, gesetzliche Änderungen zu machen. Ich glaube, dass das der richtige Weg ist, damit solche Machenschaften überhaupt nicht möglich sind."

Die Praxis der Naturalrabatte sei gesetzlich geregelt, auch auf EU-Ebene, betont Otto Pjeta, Leiter des Medikamentenreferats der Ärztekammer. Wer eine gewisse Menge kaufe, erhalte eben Nachlässe. "Das ist nicht ein System, das allein bei den Hausapotheken angewendet wird", so Pjeta zum STANDARD, die Rabatte würden genauso Apotheken und Spitälern gewährt. Gerade im Fall der Krankenhäuser wäre ohne diese Praxis vieles nicht mehr finanzierbar. Pjeta: "Man muss auch betonen, dass Naturalrabatte nicht bedeuten, dass da Ärztemuster abgerechnet werden." Dass es allerdings "keine gute Optik" sei, wenn derart hohe Prozentsätze genannt oder diese von den Firmen angeboten würden, räumt Pjeta ein.

... "sind verfehlt"

Kurz und aggressiv für ein Medikament zu werben verstoße weder gegen das Arzneimittelgesetz noch gegen den Verhaltenskodex des Verbandes der Pharmazeutischen Industrie sagt Pharmig-Generalsekretär Jan Oliver Huber. Auch saisonale Rabatte - wer rechtzeitig vor der Schnupfensaison die Medikamente einkaufe, bekommt Nachlässe - seien üblich. Huber: "Zehn Prozent sind sicher vertretbar, für mehr als 20 Prozent muss es schon einen guten Grund geben. Aber Rabatte von 100 Prozent sind eine völlig verfehlte Marketingstrategie." (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD - Printausgabe, 20. Juli 2005)

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    Nicht bar aufs Handerl: "Naturalrabatte" in Form von Gratismedikamenten, gesetzlich gedeckt - bis zu einem gewissen Grad.

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