"Und was denken Sie über George Bush?"

22. Juli 2005, 22:29
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Ein Gespräch mit Dee Dee Bridgewater, die am 22. Juli in Salzburg gastiert

Salzburg - "Hören Sie die japanischen Touristen im Hotelfoyer? Eine merkwürdige Sprache, finden Sie nicht? Oh, Sie haben da ein wunderschönes Brillenetui. Woher stammt das?" Eine Begegnung mit Dee Dee Bridgewater, die am 22. Juli im Rahmen der Jazzgala zur Eröffnung der Salzburger Festspiele in der Mozartstadt gastiert, kann schon recht informell werden.

Auch dann, wenn man die extravertierte 55-Jährige zum ersten Mal trifft. Neugierig, humorvoll, direkt nähert sie sich ihrem Gesprächspartner, lässt ihn beinahe vergessen, dass er eigentlich nur der 4711. Journalist ist, der ein paar Fragen loswerden möchte. Charmant funktioniert Bridgewater das Interview zum Dialog um: Und unversehens fühlt man sich an jenes quirlige Energiebündel in ihr erinnert, das wie ein unwiderstehliches Naturereignis über ihre Auditorien hereinzubrechen pflegt.

Rassismuskritik

Ob hier eine meisterhafte Performerin ihre viel gerühmte Bühnenrolle in den (Medien-)Alltag überträgt? Schon eher lässt sich von einer extravertierten Persönlichkeit sprechen, die authentisch geblieben ist. "Ich bin froh darüber", so Bridgewater, "dass es mir gelungen ist, mich selbst zu definieren, anstatt von außen definiert zu werden. Insbesondere bei Sängerinnen ist man vonseiten der Industrie ziemlich engstirnig. Man betrachte die vielen jungen Sängerinnen heute: Diana Krall ist eine gute Musikerin. Und doch sehe ich sie als Vorreiterin einer 'Weißwaschung' des Jazzgesangs, einer der letzten afroamerikanischen Bastionen. Ja, das hat mit Rassismus zu tun."

Marktkonformes "Design" ist Bridgewaters Sache nicht. Weshalb sie ihre aktuelle CD J'ai deux amours auf ihrem eigenen Label DDB Productions (Vertrieb: Universal) publizierte: Die Majors verlangten, die Lieder auf Englisch zu singen. Was bei einem Konzeptalbum, das französische Chansons zwischen Jacques Brels Ne me quitte pas und Edith Piafs La vie en rose zum Thema hat, naturgemäß nicht so wirklich gut kommt.

"J'ai deux amours ist ein Dankeschön an Paris", führt die Sängerin aus. "Frankreich bedeutete für mich eine Heilung von persönlichen Problemen. Es erlaubte mir, mein Leben wieder in den Griff zu kriegen, die Person zu werden, die ich heute bin, mir und meinen Gefühlen zu trauen."

Zudem weiß Bridgewater, die heute neben Dianne Reeves und Cassandra Wilson als bedeutendste Jazzvokalistin der mittleren Generation gilt, dass sich ihre Karriere in der Heimat kaum derart erfolgreich entwickelt hätte. Das Duett mit Ray Charles auf der LP Victims of Love von 1988 und die Hommage an die verstorbene Ella Fitzgerald (Dear Ella, 1997), diese entscheidenden Karriereimpulse wären in den USA kaum realisierbar gewesen. So bereitet es Bridgewater denn auch eine gewisse Genugtuung, seit 2000 - nach 16 Jahren in Paris - wieder primär in den USA, in der Nähe von Las Vegas, zu leben und die Erfolge nahtlos fortsetzen zu können.

Mit Überzeugung

Obwohl das neue Album auch in anderer Hinsicht kritische Distanz zur Heimat signalisiert. Schließlich kommt in Zeiten der "Freedom Fries" allein dem Gebrauch der französischen Sprache mitunter politische Dimension zu. "Für mich war das ein subtiler Weg, die gegenwärtige US-Regierung aufs Korn zu nehmen", so Bridgewater. "Frankreich und Deutschland hatten recht, nicht am Irakkrieg teilzunehmen. Die Folgen des Krieges sehen wir nun in London. Wenn ich Kritik übe, dann mache ich es am liebsten mit lächelndem Gesicht, mit sanfter Stimme, aber mit Überzeugung." Sagt's - und dreht den Spieß um: "Und was denken Sie über die Politik von George Bush?" (DER STANDARD, Printausgabe, 20.07.2005)

Von Andreas Felber
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    Die US-Jazzvokalistin Dee Dee Bridgewater nimmt sich kein Blatt vor den Mund: "Frankreich und Deutschland hatten Recht, nicht am Irakkrieg teilzunehmen."

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