Der mit dem Pferd spricht

20. Juli 2005, 22:30
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EM der Springreiter in San Patrignano: Österreich hofft unter 21 Nationen auf einen Top-8-Platz - Ein auffälliger Mann hofft mit

San Patrignano/Wien - Was Reiter vielleicht weniger interessieren wird: Jürgen Krackow (42), aus Bayern stammend und im Juni eingebürgert, war Stuntman und Leibwächter. Was Reiter vielleicht mehr interessieren wird: Krackow setzt auf "eine Zäumung, die das Humanste ist, was es gibt".

Nicht immer, aber oft tritt Jürgen Krackow mit seinem Pferd Looping auch bei Turnieren mit "Mecate" und "Bosal" statt herkömmlichem Zügel an. Die Mecate ist ein Seil aus geflochtenen Pferdehaaren, das Bosal ein lederner Nasenriemen, der von zwei dünnen Backenriemen gehalten wird. Kein Gebiss, keine Trense, nichts, was das Ross im Maul stört. "Die Luftwege sind völlig frei", sagt Krackow.

Indianer sind mit dieser Art der Zäumung unterwegs gewesen, im Westernreiten gilt die Steuerung mit "Bosal" als hohe Kunst. Lässt sich doch ein Pferd ohne Mundstück nur sehr schwer lenken. Auch Krackow agiert mit Gewichtsverlagerungen und vor allem mit seiner Stimme. "Rechts" und "links" flüstert er Looping während des Parcours ins Ohr, und Looping reagiert. "Würde er Stress kriegen", sagt Krackow, "und in die andere Richtung galoppieren wollen, so hätte ich keine Chance. Aber genau das ist ja mein Anliegen - zu zeigen, dass es ohne Stress geht."

Looping ist weltweit das einzige Pferd, das solcherart Grand-Prix-Parcours absolviert. Krackow sieht's "als positive PR für den Reitsport, auch wenn ich damit polarisiere". Speziell in Deutschland hätten ihn viele schief angeschaut und nicht wenige von einer "Zirkusnummer" gesprochen. Krackow: "Ich bin mir sicher, dass sich die Indianer genau überlegt haben, wie sie reiten. Damals sind Pferde wichtiger und wertvoller gewesen als heute." In Deutschland hatte er keine Chance, sich für eine Equipe zu qualifizieren, "obwohl Looping zu den zehn interessantesten Pferden der Welt gehört". Auch deshalb die Übersiedlung nach Wien, wo "zudem lange schon meine halbe Familie lebt".

Mit dem braunen Wallach Looping (11) etablierte sich Krackow auf Anhieb in der österreichischen Spitze. Er hörte nach einem Sieg in Lons-le-Saunier (Frankreich) erstmals die österreichische Hymne, "eine schöne Hymne". Bei der EM, ab morgen in San Patrignano (Italien), ist Krackow mit 42 der Älteste im Aufgebot, das von den Junghüpfern Mario Bichler (28), Gerfried Puck (32), Wolfgang Ötschmaier (33) und Rob Raskin (34) komplettiert wird. Solo ist am ehesten mit Puck (Nr. 34 der Welt) zu rechnen, er strebt einen Top-10-Platz an. (Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 20.7. 2005)

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