Sechzehn Worte

19. Juli 2005, 18:38
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Bush schien schon im Jahr 2000 seine eigenen Worte nicht allzu ernst zu nehmen - von Susi Schneider

Während des Wahlkampfes im Jahr 2000 versprach George W. Bush mit einem Seitenhieb auf den Sexskandal des scheidenden Präsidenten Bill Clinton, "die Integrität des Weißen Hauses" wiederherzustellen. Aber schon damals schien er seine eigenen Worte nicht allzu ernst zu nehmen, denn parallel zu seiner öffentlichen Rhetorik waren Bushs Mannen hinter den Kulissen eifrig und erfolgreich damit beschäftigt, seinen damaligen Widersacher im eigenen Lager, den Republikaner John McCain, mit wilden Gerüchten über dessen Privatleben aus dem Weg zu räumen. Seit Bushs Einzug ins Weiße Haus ist Geheimhaltung und Hinter-den-Kulissen-Agieren ohnehin an der Tagesordnung.

Aber eigentlich sollte der Präsident den amerikanischen Medien dafür dankbar sein, dass sie sich auf das Skandalpotenzial um seinen engsten Mitarbeiter Karl Rove einschossen und in einer bereits zwei Jahre andauernden Nabelschau die Pressefreiheit und die Geheimhaltung von Informanten diskutieren, anstatt sich auf das Problem zu konzentrieren, das um vieles folgenschwerer war: die berühmten sechzehn Worte während der Rede zur Lage der Nation im Jänner 2003, mit denen Bush beweisen wollte, dass der Irak unter Saddam Hussein im Begriff war, sich zu einer nuklearen Großmacht zu entwickeln, und dass ein Krieg gegen den Tyrannen, der doch "Uran-Einkäufe in Afrika" tätigte, unvermeidbar sei.

Natürlich muss zu klären sein, ob der stellvertretende Stabschef Karl Rove und andere hochrangige Mitarbeiter der Bush- Regierung "wissentlich" die Identität einer CIA-Geheimagentin preisgegeben haben. Wichtiger scheint es jedoch zu sein, ein für alle Mal festzustellen, ob der Präsident der Vereinigten Staaten die amerikanischen Bürger und den Rest der Welt öffentlich und "wissentlich" über die Gründe für die Invasion des Irak belogen hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.7.2005)

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