Baumelbänder

20. Juli 2005, 18:58
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Ob ich mich wirklich erniedrigen lassen wolle? Und – nein – am Band anreissen und weglaufen käme nicht in Frage...

Es war vor ein paar Tagen. Da hätte ich dem Knaben in der U-Bahn am liebsten das Ding aus der Hosentasche gezogen. Denn obwohl ich nicht zu jenen Leuten gehöre, die zu wenige blöde Giveaways auf den Tisch und an den Kopf geworfen bekommen, wurde da genau jener "will-haben"-Reflex aktiviert, der meine beiden Wahlneffen jedes Mal befällt, wenn sie meinen Berufsjugendlichenschreibtisch voll Zeugs, das kein Mensch braucht, das aber Zugehörigkeit zu irgendwelchen "Crowds" suggeriert, sehen.

Darüber, dass der Dazugehörwoll-Reiz ohnehin nur hält, bis man Zugang hat und feststellt, wie es Mozart einmal dem Bäsle geschrieben haben soll, dass Angehörige selbsternannter "Eliten" nur "so tun, als würden sie Marmor scheissen", zu labern, ist müßig: Das Schlüsselband, das dem ansonsten fad & bieder aussehenden jungen Mann neben mir aus der Hosentasche baumelte, war – das gab auch die vor derartigen Dummheiten ansonsten gefeite A. zu – wirklich nett.

Seltener Text

Schließlich stand da nicht das übliche 0815-Sportartikel-Softdrink-Jugendmagazin- Werbeagentur-Bankenkonsortiums-Logotextlein drauf, sondern "Hotel Intercontinental Owner's conference". Und dahinter – glaube ich – die Jahreszahl 2005. Aber A. meinte, es wäre nicht angebracht, dem Besitzer einen Tausch anzubieten: Ich würde auch jedes Mal, wenn eines dieser skaterhosentragenden Wesen mir ein "DocLX"-Band für meine Schlüsselbund-Lawinenschnur anböte, nur höhnisch lachen. Ob ich mich wirklich erniedrigen lassen wolle? Und – nein – am Band anreissen und weglaufen käme nicht in Frage. Auf keinen Fall.

Dabei bin ich mir ohnehin der Infantilität meines Wünschens bewusst. Und frage mich meistens eher, nach welchen Kriterien die Menschen ihre Schlüsselbänder aussuchen. Und ob es nicht Codes und Regeln gibt, nach denen die Bänder getragen werden: Denn ihren rein praktischen Zweck - die Lawinenschnurfunktion im Rucksackchaos – würden sie ja auch erfüllen, wenn sie nicht immer und überall aus freischwingen würden. Und so praktisch ist es ja auch nicht, wenn einem der drei Kilo Schlüssel – eventuell auch noch plus Handy – bei jedem Schritt gegen das Brustbein knallen oder den Kaffeehaustisch abräumen.

Freundschaftsflöhe

Ergo, mutmaße ich, muss es – neben dem Zielgruppenzugehörigkeitsbekenntnis per Aufschrift noch etwas geben: Früher, bei den Freundschaftsflöhen der 80er-Jahre etwa, gab es schließlich auch Codes. Wie viele Holzknöpfe man wo und wie getragen hat, sagte immer irgendwas aus ¬ bloß habe ich nie durchschaut, was. Das galt auch bei den ¬ von mir immer abgelehnten – neonfarbenen Spiralbändern, die viele Vespafahrer für ihre Mopedschlüssel verwendeten. Oder bei Schuhbändern in Springerstiefeln: Jeder Wohlstandspunk und Gutbürgerskin war sicher, dass in der nächsten Clique genau seine Deutung für weiße, rote oder gelbe Bänder gültig sei – mitunter galt dort dann das Gegenteil.

Bandanas

Bei den Bandanas, die in den hinteren Hosentaschen zu tragen, Anfang der 90er Jahre aus der Schwulenszene in die Hetenwelt herüberschwappte, habe ich irgendwann die Codes kapiert. Es brauchte dazu lediglich ein oder zwei gröbere Missverständnisse. Ab dann band ich das Tüchel entweder beim Motorrad- oder Skifahren um Hals oder Kopf – oder aber knotete es dem Hund meiner Freundin um den Hals. Bis die einmal behauptete, dass es auch da Deutungsversuche gäbe. Geschenkt.

Dann, es dürfte vor zwei Jahren begonnen haben, wurden die breiten, bedruckten Schlüsselbänder zum omnipräsenten Aus-der-Hose-Baumel-Accessoir. Eines Abends tauchte dann im Freundeskreis die Mutmaßung über Codes und Botschaften auf. Und während wir Buben sicher sind, dass es Hintergründiges zu erforschen gäbe, sind A.s Freundinnen – wie immer – viel direkter. Sie verweisen darauf, dass es typisch männlich sei, sich mittelleibig mit baumelndem Zeugs zu behängen ¬und dann zu behaupten, sich gar nichts dabei zu denken.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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