Pressestimmen: Israels Albtraumszenarien

21. Juli 2005, 10:41
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"In Gaza spielt Ministerpräsident Ariel Sharon mit großem Einsatz"

Paris/Frankfurt - Die verschärfte Konfrontation mit protestierenden Siedlern wegen des von der israelischen Regierung beschlossenen Rückzugs aus dem Gaza-Streifen ist am Dienstag Gegenstand zahlreicher Pressekommentare:

Liberation, Paris

"Wenn man sieht, wie sorgfältig die Armee auf die Evakuierung vorbereitet wurde, versteht man, dass es sich um eine hoch riskante Sache handelt. Die israelische Regierung ist weder vor Verzweiflungstaten der radikalsten Siedler sicher noch vor schweren Übergriffen der Truppen oder auf palästinensischer Seite vor blutigen Terrorakten. In Gaza spielt Ministerpräsident Ariel Sharon mit großem Einsatz. (...) Sharon hat das Prinzip eines palästinensischen Staates anerkannt. Doch der Status des entkolonisierten Gaza-Streifens wird weit von dem eines autonomen Landes entfernt sein. Dabei bleibt die Zukunft des palästinensischen Westjordanlandes äußerst unsicher. Der Rückzug aus Gaza wird vielleicht auf die westlichen Hauptstädte wie ein Betäubungsmittel wirken, um den Ausdruck eines Sharon-Beraters zu gebrauchen. Doch man kann sich auch die gegenteilige Wirkung vorstellen, vor der die radikalen Israelis so Angst haben: dass Gaza die Büchse der Pandora öffnet. Kurz: dass ein erfolgreicher Rückzug einen anderen nach sich zieht."

Le Figaro

"Die radikalsten Siedler mobilisieren ihre Anhänger in der Hoffnung, einen Rückzug zu verhindern. Wird es ihnen gelingen? Alles hängt vom Kräfteverhältnis ab, das sich in den kommenden Tagen ergeben wird. Die Fernsehbilder von den Zusammenstößen der Soldaten mit Siedlern, die Desertion eines Wehrpflichtigen, der nicht gegen seine Mitbürger eingesetzt werden will, und die Stellungnahmen von Rabbinern gegen die Aufgabe von Land werden die Gemüter weiter erhitzen. Die israelische Regierung ist bereit. Sie weiß, dass die Rückholung der 8000 Siedler aus 21 Siedlungen im Gaza-Streifen nicht einfach wird. Sharon ist entschlossen, sein Recht durchzusetzen. Mit Gewalt, wenn es sein muss. Die äußerst heikle Frage geht über die Debatte über die Grenzen Israels hinaus. Sie geht darum, wer entscheidet: der Staat und seine gewählten Vertreter oder diejenigen, die meinen, ein gottgegebenes Recht auf die Gebiete zu besitzen."

Frankfurter Rundschau

"Die Vorstellung, dass massenweise Demonstranten mit Sitzstreiks und Barrikaden die für Mitte August geplante Räumung von rund 8000 Siedlern zu vereiteln suchen, gehört zu den Albtraumszenarien israelischer Militärs. Nicht zuletzt deshalb hat Premier Sharon bereits Mitte voriger Woche eine Art Ausnahmezustand über die besetzten Teile des Küstenstreifens verhängen lassen. Das Geschehen trug dazu bei, dass der jetzige Sternmarsch, der als Höhepunkt am Mittwoch Kissufim erreichen soll, überraschend nicht genehmigt wurde. Radikale Methoden freilich könnten viele Siedler-Anhänger abschrecken."

Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Die Entwicklung kommt nicht unerwartet. Je näher der Termin rückt, an dem Sharon den Gaza-Streifen vollständig räumen will - Mitte August soll damit begonnen werden -, desto stärker äußert sich der Widerstand der Siedler, die darin nationalen Verrat wittern und ein schmähliches Einknicken ausgerechnet jenes Mannes, in dem sie lange Zeit einen unbeugsamen Sachwalter ihrer Interessen gesehen hatten. Sharon - die Massenaufmärsche der protestierenden Siedler zeigen es - geht auch persönlich ein hohes Risiko ein. Dasselbe gilt für (den palästinensischen Präsidenten Mahmoud) Abbas, dem Israel abverlangt, dass er seine Radikalen zügele. Das will er auch. Warum diese nun wieder Raketen abfeuern, ist schwer zu durchschauen. Wollen sie dem eigenen Regierungschef damit bedeuten, dass das Gesetz des Handelns eigentlich bei ihnen liege? (...) Derzeit sieht es so aus, als wollten die Islamisten - wie die Siedler - den Abzug sabotieren, nur aus anderen Gründen...". (APA/dpa)

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