Urteilsfindung in Frankreichs größtem Pädophilen-Prozess begonnen

20. Juli 2005, 08:27
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Verfahren mit 65 Angeklagten - Geschworene zogen sich zu Beratungen zurück

Angers - Der größte Pädophilen-Prozess Frankreichs geht in seine letzte Phase. Nach den letzten Plädoyers der Verteidiger zogen sich die Geschworenen im westfranzösischen Angers am Montagnachmittag zu den Beratungen über die Urteile für die 65 Angeklagten zurück. Den Beschuldigten im Alter von 23 bis 73 Jahren wird vorgeworfen, mindestens 45 Kinder sexuell missbraucht oder zur Prostitution gezwungen zu haben.

Die Staatsanwaltschaft forderte bis zu 30 Jahre Haft. Prozessbeobachter erwarteten, dass die Beratungen der neun Geschworenen frühestens am Freitag beendet sein werden. Die Richter in dem Verfahren werden den vier mit der Urteilsfindung beauftragten Frauen und fünf Männern insgesamt 1968 Fragen zu Schuld oder Unschuld der Angeklagten vorlegen.

In dem seit Anfang März laufenden Prozess waren teilweise unerträgliche Details über den Missbrauch der Kinder bekannt geworden. Die Staatsanwaltschaft dokumentierte hundert einzelne Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe, die zwischen Jänner 1999 und Februar 2002 stattgefunden haben sollen.

Kinder zur Prostitution gezwungen

Nach der 430 Seiten starken Anklageschrift stand das Ehepaar Franck und Patricia V. an der Spitze des Kinderschänderringes. Beide haben zugegeben, bei sich zu Hause Kinder zur Prostitution gezwungen zu haben, darunter ihre eigenen drei- und vierjährigen Töchter. Eigentliche Drahtzieher sollen die Brüder Eric J. und Jean-Marc J. gewesen sein, die von der Anklage als notorische Pädophile beschrieben werden und andere Erwachsene mitbrachten, um sich in der Wohnung der Familie gegen Geld, Alkohol oder Zigaretten an den Kindern zu vergehen.

Die meisten Angeklagten, unter ihnen 26 Frauen, stammen aus sozial schwachen Verhältnissen und waren in ihrer Kindheit oft selbst Opfer von Missbrauch. In ihren Plädoyers hat die Verteidigung versucht, die Mängel des Massenverfahrens herauszustellen, in dem die Verantwortung jedes einzelnen Mitglieds des Kinderschänderrings nicht zu fassen sei. Einige Anwälte stellten ihre Mandanten als Mitläufer dar, die von dem Kinderschänderring nur finanziell profitieren wollten. Franck V.'s Verteidiger Pascal Rouiller sah eine verhängnisvolle Gruppendynamik am Werk, die eine immer größer werdende "Höllenmaschine" erzeugt habe. (APA/AFP)

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