Für den Islam sprechen

19. Juli 2005, 12:29
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Die Botschaft ist gut und willkommen - von Gudrun Harrer

Die Fatwa, das Rechtsgutachten, das die größte sunnitische Organisation Großbritanniens zehn Tage nach der Anschlagsserie in London herausgegeben hat, richtet sich an muslimische wie nichtmuslimische Adressaten. Die Botschaft an beide ist gleich: Kommt gar nicht auf die Idee, dass sich eine Rechtfertigung für Suizid und Mord irgendwie in das islamische Lehrgebäude integrieren oder gar daraus ableiten ließe.

Die Botschaft ist gut und willkommen - wobei man das Unbehagen vieler Muslime und Musliminnen nachvollziehen kann, sich dauernd öffentlich von etwas distanzieren zu müssen, mit dem sie ohnehin nichts zu tun haben. Aber dafür sind diejenigen verantwortlich zu machen, die den Islam für ihre terroristischen Zwecke missbrauchen: Von einer nichtmuslimischen Öffentlichkeit zu verlangen, dass sie den Islam gut genug kennt, um ihn ad hoc in Schutz zu nehmen, ist etwas viel verlangt.

Die Wirkung der Botschaft hat aber gleichwohl ihre Beschränkung. Die einen brauchen sie nicht, die anderen werden sie nicht beachten, Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen. In der Mitte gibt es vielleicht ein paar Unentschlossene, die auf ein offizielles Edikt gewartet haben, um zu hören, wie der Islam nun wirklich mit diesen Dingen umgeht.

"Der Islam"? Wer vertritt ihn? Was, wenn der oberste Religionsgelehrte in Saudi-Arabien, wo die heiligsten Stätten des Islam sind, und der Scheich von al-Azhar, der wichtigsten theologischen Hochschule der Sunniten, in einem Punkt nicht einer Meinung sind, was, wenn zwei europäische islamische Organisationen einander widersprechen?

Was zum Reichtum und zur Stärke des Islam gehört, erweist sich in der Krise als Schwäche. Viel wird vom Dialog des Islam mit anderen Religionen geredet, genauso wichtig ist jedoch der innerislamische Dialog. Je einiger, mächtiger die Stimme daherkommt, die im Namen "des Islam" spricht, umso mehr Menschen wird sie überzeugen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2005)

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