Ein echter Häupl

29. Juli 2005, 15:48
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Wiens Bürgermeister zwischen groben Verbalrundschlägen und feiner Klinge - von Barbara Tóth

Wenn Wiens Bürgermeister Michael Häupl die Massen zum Johlen bringen will, ist er um einen groben Verbalrundschlag nicht verlegen. Geht es um seine eigenen Genossen, greift er gern zur feinen Klinge. Wie jüngst, als er viel sagend meinte, die SPÖ sei zu einem "dirty campaigning" à la Lopatka gar nicht in der Lage, weil das einen entsprechenden Analyseapparat in der Parteizentrale voraussetze. Übersetzt heißt das so viel wie, er hält jene, die dort sitzen, für unfähig. Mit gleichem Tenor rügte Häupl zuvor auch SPÖ-Klubobmann Josef Cap für die schrillen Asyltöne. In der eigenen Parlamentsfraktion gebe es wohl "erhöhten Gesprächsbedarf", formulierte er diesmal hintergründig, man müsse mit seinen Abgeordneten halt "auch reden". Cap dürfte Häupl derzeit übrigens besonders am Herzen liegen: Bei "Wiesner fragt" meinte er, angesprochen auf seine wenig radikale Studentenzeit: Es könne schon sein, dass er in jungen Jahren nicht so oft die Faust geballt habe wie einst Cap, dafür tue er es heute - im Gegensatz zu Cap - immer noch. Touché. Solche Wortmeldungen werden schnell - und nicht ganz zu Unrecht - als Beleg dafür herangezogen, dass Gusenbauer und seine Mannschaft von den eigenen Leuten längst abgeschrieben wurden. Man kann sie auch als Wichtigtuerei eines einflussreichen Landesfürsten abtun. Schließlich erlaubt sich auch Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll ab und zu zur persönlichen Erbauung Scherze auf Kosten seines Parteichefs. Das gehört zur normalen österreichischen Politikfolklore. Aber keiner außer Häupl ergeht sich öffentlich in derart persönlichen Anspielungen. Sie machen nur dann Sinn, wenn er auch die Bereitschaft signalisiert, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Verbale Spiegelfechterei ist auf Dauer zu billig. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2005)
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