Routine und neue alte Frische

22. Juli 2005, 22:29
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Scheinbar Unscheinbares: Das Vienna Art Orchestra beim Jazzfest

Wien - Wer in die Jahre kommt, der kann allerhand erzählen. Vor allem Geschichten aus der eigenen Vergangenheit. Das Vienna Art Orchestra greift deshalb in quasi traditionellen Fünf-Jahres-Intervallen die nicht eben geniale Idee eines Best-of-Programms auf (zuletzt art & fun, zum 25. Geburtstag 2002). Mit Swing & Affairs, das am Wochenende im Porgy & Bess im Rahmen des Jazzfests vorgestellt wurde, kehrte man nun früher als erwartet zum Thema Selbstrecycling zurück - vielleicht auch, weil das VAO zurzeit vier Neubesetzungen zu verdauen hat.

Immerhin wurde man so auf einige famose Piecen aus dem jüngeren Orchesterrepertoire aufmerksam, die sich bisher im Kontext eher durchschnittlicher Programme "versteckt" hielten. Dazu ist Charles Mingus' Hobo Ho zu zählen, mit dem der Abend gleich einem gewaltigen Brodeln anhob.

Groovig dampfende Riffs, dissonante, kontrapunktisch verdichtete Bläsersätze und improvisierte Linien von Robert Bachner, Martin Koller und Harry Sokal mixten sich da zu einer im wilden Kollektiv gipfelnden Tour de force. Auch das Techno-inspirierte Off Beat Berlin On the Beat ist nicht von schlechten Eltern; der konditionsstarke Mauro Negri hatte an der Klarinette schwer gegen die sich massig auftürmenden Orchester-Klänge anzukämpfen und blies sich schier die Seele aus dem Leib. Der 21-jährige Altsaxofonist Jorge Roelofs demonstrierte als Solist in Mongo Santamarias Afro Blue dagegen mehr Technik als Aussage. Solistisch wertvollster Neuzugang ist Posaunist Georgi Kornazov: Sein balladeskes Intro zu Eric Dolphys Straight Up And Down glänzte durch vitales, klangfarbenreiches Storytelling, in dem multifone Sounds dramaturgisch sinnvoll in den Ideenfluss integriert wurden.

Der neue Lead-Trompeter Tobias Weidinger blieb ohne Solo, dafür konnten sich einmal mehr bekannte Kräfte - hervorstechend: Thomas Gansch und Harry Sokal in einem Remake von Erik Saties Gnossienne No. 1 - bewähren. Für Anna Lauvergnac wird dagegen weiterhin eine sinnvolle Funktion im Kontext gesucht, für den unvermeidlichen Tango from Obango ein Nachfolger als Kennmelodie. Swing & Affairs: das VAO zwischen niveauvoller Routine und neuer alter Frische. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.07.2005)

Von Andreas Felber
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