"Silent Waters": Wassergründe und Versöhnungszeichen

18. Juli 2005, 18:25
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Pakistanisches Kino: Der Film "Silent Waters" erzählt von kulturellen Verwerfungen

Wien – Stille Wasser sind der Redewendung zufolge nicht nur tief, sondern sie können vor allem auch eines: An ihrer empfindsamen Oberfläche zeichnen sich die kleinsten Erschütterungen ab und schlagen Wellen.

Mitten im pakistanischen Charki steht anno 1979 ein Brunnen, und wenn die Kamera in die Tiefe blickt, spiegelt das dunkle Wasser das einfallende Licht wider: Auf den Grund sieht man nicht. Auch Ayesha (Kirron Kher), eine Witwe mittleren Alters, hat ein Geheimnis, das verborgen bleiben muss und nun durch die aktuellen Ereignisse ans Tageslicht zu kommen droht. Denn die Militärdiktatur unter Zia ul-Haq hat die Macht übernommen, und die zunehmende Islamisierung der bislang liberalen Gesellschaft schickt erste Boten durchs Land. Ayesha droht nicht nur ihren einzigen Sohn an die fundamentalistischen Glaubensmänner zu verlieren, sondern auch ihr früheres Schicksal an die Öffentlichkeit gezerrt zu sehen.

Ihre Geschichte ist nämlich so alt wie jene des Landes, als sich 1947 Moslems und Sikhs bekämpften, Pakistan und Indien als autonome Staaten aus dem britischen Reich hervorgingen. Unterbrochen von Rückblenden, die erst nach und nach Ayeshas Trauma enthüllen, untersucht Khamosh Pani/Silent Waters, das Spielfilmdebüt der pakistanischen Dokumentaristin Sabiha Sumar, die sich schon bisher mit den Mechanismen der Ausbeutung von Frauen beschäftigte, anhand Ayeshas Schicksal die Auswirkungen eines rigorosen Islam auf das Land. Sumar gelingt dies am besten bei Beschreibungen des Alltags, in den die neue Ordnung kontinuierlich einsickert: Das Wasser vor der Tür Ayeshas, die den Weg zum Brunnen scheut, fehlt; ihr Sohn dehnt die religiöse Unversöhnlichkeit zunehmend ins Familiäre aus; der Barbierladen als Kommunikationszentrum wird vom Ort des Austauschs zu einem der Auseinandersetzung.

Sumar sucht nicht retrospektiv nach Erklärungen für etwas, das vielleicht gar nicht erklärt werden kann. Doch wo der politische Hintergrund als Ereignis-Fläche dient, werden die Figuren überraschenderweise eben dort nicht verankert. Die religiösen Fanatiker erinnern frappant an das Klischeebild vom finsteren Ter 4. Spalte roristen, während die angestrebte Authentizität etwa einer Hochzeit in gefährliche Nähe zur Folklore rutscht.

Dies mag damit zu tun haben, dass Silent Waters ausschließlich mit europäischen Geldern finanziert wurde, denn im Gegensatz zum Rivalen Indien gleicht die Filmlandschaft Pakistans einer Wüste. Dem krisenanfälligen Land, das durch die jüngsten Bombenanschläge wieder kurzfristig im Blickpunkt der Öffentlichkeit stand, fehlt für ein erfolgreiches Kino aber nicht nur das nötige Geld, sondern auch Infrastruktur und politischer Wille. Und das ist keine Frage des Glaubens. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.07.2005)

Von Michael Pekler
  • Ayesha (Kirron Kher, re.) sieht sich der Bedrohung durch eine radikalisierte Gesellschaftsordnung ausgesetzt.
    foto: filmladen

    Ayesha (Kirron Kher, re.) sieht sich der Bedrohung durch eine radikalisierte Gesellschaftsordnung ausgesetzt.

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