STANDARD-Interview: "Man muss in die Köpfe der Leute rein"

22. Juli 2005, 10:46
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Autor Christoph Reuter über die schwer nachvollziehbare Motivation der Londoner Attentäter

Standard: Noch immer ist Motivlage der Londoner Attentäter unklar. Alle Welt fragt sich, was in Menschen vorgeht, die am Morgen mit einer Bombe im Rucksack das Haus verlassen, um ein Attentat zu begehen?

Reuter: In den gut 20 Jahren, in denen Selbstmordattentäter ihren Körper als Waffe einsetzen, hat es einen bemerkenswerten Wandeln in der Begründung dafür gegeben. Im Nahen Osten kann man diese noch als rational ansehen: Diese Menschen handeln aus der Position der Unterlegenen heraus. Sie wollen zeigen: Wir können euch nicht besiegen, aber ihr könnt uns auch nicht besiegen. Das ist eine andere Ratio als die jener neuen Attentäter, die jede Logik auf den Kopf stellen und sagen: Wir wollen gar nicht überleben.

Rationale Ausgangskoordinaten wurden immer unwichtiger. Bei jenen Tätern, die sich im Namen Al-Kaidas in New York, in Madrid, im Irak in die Luft gesprengt haben, sind sie nicht mehr vorhanden. Da ging es nicht mehr um einen klar definierten Konflikt. Sondern darum, als eine Art Endzeitsekte anzutreten, die die Welt islamisieren will.

Wenn man nun die Männer aus Leeds hernimmt, dann sieht man, wie weit die sich verrannt haben in die Glaubensannahme, dass die westliche Welt gegen sie sei. Sie haben sich in einem Wahn eingerichtet, der soweit reicht, dass sie ihr komplettes bisheriges Leben wegwerfen. Das hat aber nur in äußersten Randbereichen mit Politik zu tun, vielmehr mit Sektenglauben.

Standard: Es geht also eher um Psychopathologie?

Reuter: Ja, allerdings gespeist von Annahmen der Täter, dass sie im politischen Feld agierten. Sie handeln wie Parasiten des Zorns, nutzen einzelne Konflikte, Situationen extremer Ungerechtigkeit wie in Tschetschenien, um dadurch ihren Wahnglauben zu nähren. Sie sind nicht völlig abgelöst wie andere Sekten. Sie haben auf ihr Banner geschrieben, dass sie politisch agieren, ohne dies zu tun. Dieses Zwitterhafte macht es so schwierig, ihnen zu begegnen.

Standard: Britische Sozialisation und europäische Aufklärung haben versagt?

Reuter: Das nützt alles nichts. Wenn die "Benutzeroberfläche des Alltags" als Fälschung interpretiert wird, dann können die noch so sehr ein europäisches Schulsystem durchlaufen haben, sie werden diese angeblichen Täuschungen als umso raffinierter interpretieren. Es gibt die Mentalität in einer Minderheit der Muslime, dass es eine Verschwörung gegen sie und ihren Glauben gebe. Von dieser Grundannahme ausgehend schaffen es diese Menschen, ihre gesamte Biografie als Fälschung zu interpretieren.

Standard: Wenn Integrationsversuche offensichtlich scheitern, wie kann der Staat gegen eine Szene vorgehen, die solche Attentäter hervorbringt?

Reuter: Zweigleisig. Die Szene muss observiert werden, um Anschläge zu unterbinden, bevor sie passieren. Viel wichtiger ist es allerdings, dass man die Dinge von innen verändert. Man kann schlecht von außen als britisches Schulsystem hergehen und sagen: Ihr macht das alles falsch, ihr müsst das anders machen. Das fällt in die gleiche Falle der Wahrnehmung, dass alles eine Täuschung sei.

Das, was funktioniert, ist, dass muslimische Geistliche wie im Jemen und in Ägypten in Gefängnisse gehen und Koranexegesen halten. Sie müssen sagen: Was ihr tut, ist gegen den Glauben. Sie müssen Koranstellen, die Überlieferung zeigen. Man muss in die Köpfe der Leute reinkommen. Mann muss dort ansetzen, wo ihre Befehlshaber ansetzen. Eine größere religiöse Autorität muss denen sagen, dass ihre Taten falsch sind. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2005)

Das Interview führte Christoph Prantner

Zur Person:
Christoph Reuter, 37, ist studierter Islamwissenschafter, Nahostreporter des "Stern" und Autor. Hochgelobt wurde sein Buch "Selbstmordattentäter. Warum Menschen zu lebenden Bomben werden", erschienen 2003 im Goldmann Verlag.
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    foto: standard/random house
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