Monströses Fragezeichen hinter bewegten Körpern

18. Juli 2005, 18:36
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Philipp Gehmachers "Incubator" bei ImPulsTanz im Arsenal

Wien – Untersuchungsgegenstand in dem brisanten Performanceprojekt Incubator des jungen österreichischen Choreografen Philipp Gehmacher ist die menschlichen Geste. Jene Körperbewegung also, mit der wir unsere Worte unterstreichen. Von besonderem Unterhaltungs- und Erkenntniswert sind etwa die Gesten von Politikern: gedrängte Andeutungen, energische Unterstreichungen beziehungsweise Kürzel der Abwehr, der Aufmunterung oder der Resignation. Im kalkulierten Einsatz seiner Körpersprache wird auch der Politiker zum Performer.

Wir erkennen sofort, wenn die Gesten eines Redners mit seinem inneren Zustand unverbunden bleiben. Nicht die Geste als Form lässt dann ein Dilemma durchscheinen, son 2. Spalte dern, wann sie mit welcher Intensität ausgeführt wird. Philipp Gehmacher und seine Tänzer untersuchen die Grundstruktur der Gestik des öffentlichen Individuums. Bei Incubator bleiben die "Redner" stumm, in einem Zustand, der sich unterhalb der Bewegungsrhetoriken von Politikern oder von die Alltagsbewegung überschreitenden Tänzern befindet.

Unbehauste Menschen

Das Individuum wird auf vier Figuren aufgeteilt, und es geht darum, wie die einzelne Figur mit ihrer Geste eine Verbindung zu den anderen herstellen kann. Incubator startete im Herbst vergangenen Jahres im Tanzquartier Wien‑ und wurde auf einer kleinen Tournee mit Aufführungen in Lyon, Berlin und Brüssel mit großem Erfolg weitergeführt, bevor das Stück nun wieder in Wien landete: als überaus abgeklärte, treffsichere Beschreibung einer unheimlichen Unbehaustheit, die Menschen vor seinesgleichen befällt. Ungestilltes Verlangen gärt in halb verschlossenen Körpern, die oft an den Mauern des Bühnenraums kleben bleiben oder verloren, wie abwesend, in Richtung der anderen deuten, aber kaum je zuzugreifen vermögen – was wir alle ja kennen, wenn wir etwa jemandem auf die Schulter klopfen wollen, es aber irgendwie nicht fertig bringen.

Gehmacher nutzt die Bühne wie ein Rastermikroskop, in dem die performative Molekularstruktur des kulturellen Individuums in statu nascendi sichtbar wird. Incubator ist eine große Arbeit geworden, ein monströs-fragiles Fragezeichen hinter unserer politischen, privaten Existenz. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.07.2005)

Von Helmut Ploebst

"Incubator"
Mittwoch (20.7.), 19 Uhr, im Arsenal
  • Philipp Gehmacher erarbeitet das Vokabular einer leiblichen Ermächtigung: Wer sind wir denn, dass wir einander etwas zu verstehen geben (können)?
    foto: impulstanz

    Philipp Gehmacher erarbeitet das Vokabular einer leiblichen Ermächtigung: Wer sind wir denn, dass wir einander etwas zu verstehen geben (können)?

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