Der freundliche Herr Atta

18. Juli 2005, 17:30
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Ein Rätsel, das uns Angst macht – und trotzdem hoffen lässt - Ein Kommentar der anderen von Burkhard Müller-Ullrich

Wir wissen wenig über die so genannten Selbstmordattentäter von London, aber eines ist inzwischen sicher: Sie kamen nicht aus irgendeiner Drittwelt-Diktatur, wo Menschenleben wenig gelten. Sie kamen nicht aus einem Land, wo das Sterben auf offener Straße zum alltäglichen Anblick gehört, wo Krieg und Bürgerkrieg bereits den Kindern als Normalität begegnen und wo die hygienischen Verhältnisse einen frühen Tod nur allzu wahrscheinlich machen.

Nein, die vier jungen Männer, die mit ihren grauenvollen Rucksäcken von einer Überwachungskamera am Bahnhof Luton am Morgen des 7. Juli um kurz vor halb acht beim Umsteigen gefilmt wurden, waren so britisch wie irgendwelche Immigrantenkinder, von deren traurig-lustigem Alltagsleben ein großer – und nicht der schlechteste – Teil der englischen Gegenwartsliteratur handelt.

Von Salman Rushdie über Hanif Kureishi bis Zadie Smith reicht die Reihe der Autoren, welche die Tragik und die Komik der Einwandererfamilien beschrieben und ihnen dabei das Allerwichtigste gegeben haben: ihre Würde. Aus dieser gesellschaftlichen Schicht stammen also jene zu Zeitbomben mutierten jungen Männer, vor denen wir erst richtig erschrecken, seitdem wir ihrer ansichtig geworden sind.

Es ist wie damals, nach dem 11. September 2001, als die von einem Geldautomaten aufgenommenen Bilder der Terroristen auf einer ihrer letzten Fahrten vor der Tat um die Welt gingen. Man blickt in nichts sagende Gesichter und findet noch im Nachhinein keinen gedanklichen Weg, der jene unauffälligen, verhuschten Existenzen mit dem von ihnen verursachten Desaster verbindet.

Polizei machtlos

Der freundliche Herr Atta in Hamburg gab vor dem Hintergrund der Perspektiven, die ein Ingenieurstudium bietet, durch seine entschlossene Selbstvernichtung unserer Rationalität ein ebensolches Rätsel auf, wie es jetzt die vier Verhängnisbringer aus Leeds tun. Dieses Rätsel ist es, was uns Angst macht.

Die Angst wird noch gesteigert durch die Gewissheit, dass vor solchen Tätern keine Polizeimaßnahme schützen kann.

Die perfekte soziale Mimikry verbunden mit äußerstem Gehorsam, äußerster Opferbereitschaft und einem gewissen Maß an technischer Intelligenz, dies wiederum gepaart mit gigantischer krimineller Energie – und das alles über einen längeren Zeitraum hinweg: gegen eine solche, geradezu übermenschliche Konstellation von Eigenschaften und Fähigkeiten kommt keine Sicherheitsbehörde an.

Doch just in dieser niederschmetternden Erkenntnis liegt auch ein Grund für Hoffnung: Denn es ist nicht zu erwarten, dass eine solche übermenschliche Konstellation von Fähigkeiten häufig anzutreffen ist.

Im Gegenteil: Jegliche Erfahrung auf dem Gebiet der Personalsuche lehrt, dass es schon für Stellen mit weitaus geringeren Anforderungen stets nur wenige geeignete Bewerber gibt.

Wer jemals eine Putzfrau gesucht hat, weiß, wie schwer es ist, jemanden zu finden, der auch nur Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit – zwei Grundvoraussetzungen für terroristisches Handeln – als Eigenschaften mitbringt, von der Bereitschaft zum Selbstmord auf Kommando ganz zu schweigen.

Ja, selbst die versiertesten Headhunter und Personalberater dürften vor einem Stellenprofil für Selbstmordattentäter kapitulieren. Unsere westlichen Gesellschaften geben die dazu nötigen Qualitäten glücklicherweise nur in seltenen Ausnahmefällen her; mit der massenhaften Rekrutierung – der Schreckensvision par excellence – wird es also auf Dauer hapern. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2005)

Zur Person:
Burkhard Müller-Ullrich, Mitglied der Autorengemeinschaft "Achse des Guten", lebt als freier Publizist in Köln.
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