Kranke Kuh gibt Klagelaut

24. Juli 2005, 21:54
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US-Vokalakrobat Mike Patton und Fantomas beendeten die ersten zehn Jahre Forestglade-Festival im burgenländischen Wiesen mit einem grandiosen Auftritt

Das Publikum erlebte genialischen Lärm zwischen Todesmetall, Sarkasmus und der kindlich-naiven Suche nach dem reinen Klang.


Wiesen – Wenn es jemals eine Musik gegeben hat, auf die die Unschuldsvermutung nicht zutrifft, dann diese. Der Wille zur Unschuld schwindet unterstellterweise mit abnehmender Sensibilität. Und doch ist diese brutalistische wie interessantistische Bubenmusik, die da von der Bühne poltert, würgt und spuckt und stottert, krächzt und stöhnt und höhnt, trotz allem Kampf mit finsteren Mächten gerade auch um eines bemüht.

Das Spiel mit dem Bedrohlichen und Gewalttätigen wie auch mit dem Absurden, Obszönen und Lächerlichen, kurz Metal genannt, und seine brutal ehrliche wie brutal brutale Auseinandersetzung mit der Welt und deren Vorstellung von ihr, soll eines wiederherstellen:

Im Ringen um die wüsteste Form von zeitgenössischer Musik jenseits von Städteplanung mit der Abrissbirne versuchen sich die kalifornischen Fantomas an nichts weniger als an einer Wiedererlangung des reinen, klaren und für sich selbst stehenden Klangs. Vom Leben zum Sarkasmus getriebene Höhner auf der Suche nach dem Kind im Manne. Wie naiv ist das denn?!

Zum Abschluss des heuer seine ersten zehn Jahre feiernden Festivals Forestglade im burgenländischen Wiesen versuchte sich das Quartett um den jährlichen Stammgast Mike Patton nicht gerade an wenig. Der ehemalige Sänger der Rock, Metal und Rap zu einer weltweiten Erfolgsformel verdichtenden und glättenden US-Genreheiligen Faith No More hat sich als verdienter Multimillionär seit ein paar Jahren nicht nur als Hobby ein eigenes Plattenlabel namens Ipecac zugelegt.

Auf dem wird zwischen dioptriereichem Laptop-Pop, historisch wenig wertvollem Verfolgungswahn-Jungle und freigängerischem Nachdenkliche-Gewaltausübungs-Rock wie jenem von den famosen Isis so gut wie alles veröffentlicht, was Melodie und Harmonie scheut wie der Student das Tageslicht. Neben seiner vorjährigen, auch in Wiesen zelebrierten Kollaboration mit dem afroamerikanischen HipHop-Vokalartisten Rahzel und dem geradlinigerem Rüpelrock mit seiner aktuellen Band Tomahawk stand dieses Mal sein akustisches, für den April 2004 verhäxelt und verhackstückt komponiertes Tagebuch-Purgartorium Suspended Animation auf dem einstündigen Programm.

Hier erleben wir in musikalischen Informationseinheiten zwischen 30 Sekunden und zwei Minuten nicht nur eine radikale Neuformulierung des einst von Frank Zappa zwischen aggressivem Rock und hyperventilierendem "Jazz" zum "Freak out!" getriebenen Gedankens, dass wenn nichts mehr geht, endlich alles möglich wird.

Richter-Skala

Zum Beispiel klappt ein endgültiger Abschied vom Strophe-Refrain-Schema, dem in der populären Musik übermächtigen Diktat gerader Rhythmen und dem völlig überbewerteten Usus der Funktionsharmonik, ausgezeichnet. Wie zwischen programmatisch betitelten Stücken wie Festival Of The Sweeping Bombs oder International Moment Of Laughter Day und Richter Scale Day und Walpurgisnacht überhaupt von Patton mit weidwunder, falsettierender wie grunzender Stimme sowie an diverser elektronischer Vokalverfremdungs- und Sampling-Gerätschaft jene im Wortsinn verrückte, also ruckelnde und zuckelnde Basis bereitet wird, über der sich die drei anderen Musiker im kontrollierten Wahn herzhaft austoben dürfen.

Der von den Melvins bekannte Gitarrist Buzz Osbourne entlockt seiner Gibson bei Black Sabbath abgeschaute Rudimentär-Riffs, die herrlich nach kranker Kuh klingen. Bassist Trevor Dunn versucht am Bass mit überhöhter Geschwindigkeit eine Buckelpiste voller Synkopen zu nehmen. Terry Bozzio (Ersatz für Dave Lombardo) läuft dazu in einem mit gut 60, 70 Trommeln vollgestellten Themenpark namens Schlagzeug inzwischen zur Höchstform bezüglich "Nach dem Essen sollst du ruh'n oder tausend Schläge tun" auf.

Zum Ende von Forestglade 2005 gab es also Saures. Das sichtlich überforderte Publikum konnte dem nur wenig entgegensetzen. Es wurde platt gemacht. Schön, dass es uns alle gibt! (DER STANDARD, Printausgabe, 19.07.2005)

Von Christian Schachinger

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Wiesen
  • Mike Patton (rechts) und die Metal- 
Verhackstücker Fantomas 
live bei Forestglade 
in Wiesen.
    foto: standard/christian fischer

    Mike Patton (rechts) und die Metal- Verhackstücker Fantomas live bei Forestglade in Wiesen.

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