SPÖ-Vorsitzender
Alfred Gusenbauer verteidigt die harte Linie seiner Partei im Asylbereich
SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer verteidigt
die harte Linie seiner Partei im Asylbereich.
Die ÖVP bezeichnet er als schmutzigste Partei
und als rückgratlos. Zulassungsbeschränkungen
an den Universitäten lehnt er strikt ab.
Mit Gusenbauer sprach Michael Völker.
***STANDARD: Der Streit um die Zustimmung zum Asylgesetz hat
die SPÖ ziemlich erschüttert,
und nach wie vor ist nicht ganz
klar, ob die Zwangsernährung
von hungerstreikenden Schubhäftlingen jetzt möglich ist oder
nicht. Was ist denn der politische Erfolg, den die SPÖ in diesem Zusammenhang für sich
in Anspruch nehmen kann?
Gusenbauer: Wenn man den
Strasser'schen Erstentwurf
mit dem vergleicht, was jetzt
beschlossen wurde, sind Meilen dazwischen. Uns war am
wichtigsten, dass es zur Verkürzung der Verfahren
kommt, das ist entscheidend
für die Rechtssicherheit und
für den Umgang mit dem Problem. Das ist erreicht worden.
Zweitens, dass es Möglichkeiten gibt, den Asylmissbrauch
einzustellen. Wir betrachten
das Gesetz sowohl als verfassungskonform wie auch menschenrechtskonform. Das wäre, wenn es die ÖVP allein gemacht hätte, nicht gewährleistet gewesen.
STANDARD: Warum stimmt die
SPÖ überhaupt einer Verschärfung des Asylgesetzes, das
auch als Zugeständnis der ÖVP
an das BZÖ gedacht war, zu?
Gusenbauer: Man muss sich
schon im Klaren sein, dass Österreich, obwohl Deutschland
zehnmal so groß ist, die gleiche Anzahl an Asylwerbern
hat. Dort beträgt die Anerkennungsquote acht Prozent, in
Österreich beträgt sie zwischen 20 und 30 Prozent. In
neuen EU-Mitgliedsstaaten
wie der Slowakei beträgt sie
null Prozent. Auch nach der
Beschlussfassung dieses Asylgesetzes gehört Österreich mit
Sicherheit zu den europäischen Staaten, die die liberalsten Regelungen in diesem Bereich haben.
Gerade eine gesellschaftspolitisch liberale
Einstellung ist sehr stark gefordert, hier Grenzziehungen
durchzuführen. Das ist mit
dem Asylgesetz gelungen,
auch wenn wir als Sozialdemokraten in einzelnen Bereichen das besser und klarer formuliert hätten. Das haben wir
durch unsere Abänderungsanträge dokumentiert. Aber es
war kein besserer Kompromiss mit der ÖVP möglich.
STANDARD: Jetzt will die Regierung im Nachhinein noch ein
paar Änderungen an dem beschlossenen Gesetz vornehmen. Fühlen Sie sich da nicht
über den Tisch gezogen?
Gusenbauer: Wenn es tatsächlich dazu kommt, dass die
ÖVP einseitig im Nachhinein
eine Veränderung vornimmt,
dann ist das ein klarer Vertragsbruch. Dann hat die ÖVP
bis zum Ende der Legislaturperiode keine Chance mehr,
mit uns zu einer Einigung zu
kommen.
Entweder einigt
man sich auf etwas, dann steht
man dazu, dann gilt das zumindest bis Ende der Legislaturperiode. Oder es gilt das
Wort der ÖVP nichts. Wenn
die ÖVP wortbrüchig wird,
muss sie wissen, dass damit
ein Verhandeln mit ihr keinen
Sinn mehr hat.
STANDARD: Egal zu welchem
Thema?
Gusenbauer: Egal zu welchem
Thema. Mit einer Partei des
Wortbruchs setzen wir uns
nicht an den Tisch.
STANDARD: Sie behaupten nach
wie vor, Zwangsernährung sei
nicht möglich?
Gusenbauer: Nach all den Expertenmeinungen bin ich der
Ansicht, dass auf Basis dieses
Gesetzes Zwangsernährung
nicht möglich ist.
STANDARD: Dieses Gesetz ververweist wieder auf andere Gesetze, man muss sich juristisch
gut auskennen, um die Querverweise zu durchschauen.
Gusenbauer: Es wird im Bereich des Asyls zu keiner
Zwangsernährung kommen.
STANDARD: Sind die parteiinternen Wogen schon geglättet?
Gusenbauer: Sehr komplizierte
Fragestellungen führen zu
unterschiedlichen Ansätzen
in der Diskussion. Dagegen habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Klar ist aber, dass
die SPÖ am Ende eines Prozesses eine Entscheidung treffen
muss: Wofür steht die SPÖ,
unabhängig davon, was Einzelne in diesem Zusammenhang anders sehen würden.
STANDARD: Wäre es so eine Katastrophe gewesen, wenn einzelne Abgeordnete im Parlament dagegen gestimmt hätten,
anstatt sich bei der Abstimmung entschuldigen zu lassen?
Gusenbauer: Der Punkt ist, wo
beginnt das und wo endet das.
Eine Partei wie die SPÖ muss
dafür Sorge tragen, dass ihre
Linie im Parlament auch vertreten wird. Dafür haben wir
gesorgt.
STANDARD: Präsentiert sich die
ÖVP derzeit als potenzieller
Partner?
Gusenbauer: Die ÖVP ist derzeit auf dem Weg, die schmutzigste Partei in Österreich zu
werden. Das sieht man nicht
nur an den Wahlkampfmethoden in der Steiermark, Ähnliches sieht man auch in Wien,
auch aus dem Burgenland habe ich solche Berichte. Die
ÖVP ist eine rückgratlose Partei, der es nur um die Macht
geht und die im Wettbewerb
um die schmutzigste Partei
derzeit die Nase vorn hat.
Wir
als Sozialdemokraten wollen
mit solchen Methoden nichts
zu tun haben. Dieser Stil der
ÖVP soll in Wirklichkeit die
absolute Unfähigkeit und Untätigkeit bei der Bewältigung
der Probleme unseres Landes
kaschieren. Was die Jugend in
unserem Land betrifft, deren
Chancen und Möglichkeiten,
so zeigt die ÖVP, dass sie weder den Handlungswillen,
noch die Handlungsfähigkeit
hat.
Das ist symptomatisch für
das Gesamtagieren dieser Regierung. Ich habe den Eindruck, die ÖVP ist programmatisch und inhaltlich völlig
ausgeronnen. Als Konsequenz
daraus organisiert sie jetzt mit
noch größerer Brutalität
Schmutzkübelkampagnen,
wo immer Wahlen stattfinden.
Das ist für eine Kanzlerpartei
nicht angemessen.
STANDARD: Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl hat gemeint, die SPÖ betreibe auf
Bundesebene nur deshalb kein
"dirty campaigning", weil sie
organisatorisch dazu nicht in
der Lage sei. Fühlen Sie sich da
nicht gefrotzelt?
Gusenbauer: Es hat niemand
Zweifel an den strategischen
Kapazitäten der SPÖ-Wien.
Und ist Ihnen schon "dirty
campaigning" vonseiten der
Wiener SPÖ aufgefallen?
Es
fehlt keine Analyseabteilung
in der Löwelstraße, aber es
stimmt, dass unsere Strukturen darauf ausgerichtet sind,
Probleme in unserer Gesellschaft aufzuzeigen und Lösungsvorschläge zu entwickeln. Daher konzentrieren
wir uns auf den konstruktiven
Teil der Politik, während sich
die ÖVP auf den destruktiven
Teil konzentriert.
STANDARD: Aber diese Aussagen
von Häupl waren ja kein Kompliment, das war doch ein
ziemlicher Untergriff.
Gusenbauer: Ich habe die Aussagen Häupls nicht als untergriffig verstanden, sondern als
klaren Hinweis darauf, dass
bei uns eben die Prioritäten
anders gesetzt sind als bei der
ÖVP.
STANDARD: Nach dem EuGH-
Urteil werden jetzt Zugangsbeschränkungen an den Universitäten diskutiert. Sind diese
unausweichlich und wie könnten sie ausschauen?
Gusenbauer: Sie sind absolut
nicht unausweichlich, das ist
nur eine Frage der Kapazitäten. Ich bin strikt gegen Zugangsbeschränkungen. Wenn
jetzt für deutsche Studenten
der Zugang gleich gestaltet
wird, bedeutet das, dass unter
Umständen einzelne österreichische Studenten keinen
Studienplatz bekommen.
Das
kann man einfach dadurch lösen, indem man die Kapazitäten an den Universitäten ausdehnt, sodass österreichische
Studenten nach wie vor einen
uneingeschränkten Zutritt erhalten. Wenn man das Problem ernst nimmt, müsste im
Wissenschaftsministerium
Tag und Nacht gearbeitet werden, um diese Plätze bis Oktober herzubringen.
Wir sind
ein Land mit einer geringen
Akademikerquote. Ich will
nicht, dass wir durch soziale
oder administrative Einschränkungen eine sinkende
statt einer steigenden Anzahl
von Akademikern haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2005)