Boten der Entzündung stoppen

25. Juli 2005, 11:53
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Die chronische Polyarthritis galt immer als unheilbar. In der Biomedizin werden aber schon länger Mittel entwickelt, die die Krankheit zumindest stoppen können. Auch ein heimisches Unternehmen hofft nun, das ideale Medikament gefunden zu haben.

Viel Grund zur Freude haben jene vier Millionen Menschen in der EU (60.000 davon in Österreich), die an chronischer Polyarthritis leiden, nie gehabt. Die lebenslange Krankheit verursacht Schmerzen im Bewegungsapparat, die für die Betroffenen ohne medikamentöse Unterstützung unerträglich sind. Die bei Gelenksrheuma (siehe Wissen), wie die Erkrankung allgemein genannt wird, auftretenden Verkrüppelung führen zu schweren Behinderungen im Alltag.

Die meisten herrkömmlichen Rheuma-Medikamente beeinträchtigen obendrein das Immunsystem. Der Bedarf, Alternativen zu finden, war also seit Jahren gegeben. Der Boom der Biotechnologie machte es schließlich möglich: Mit Biotechmedikamenten konnten große Erfolge bei der Behandlung der chronischen Polyarthritis erzielt werden. Besonders wirkungsvoll: Antikörper, bei denen jedes Molekül gleich aufgebaut ist und die gleiche Spezifität für Antigene hat (monoklonale Antikörper). Sie können den stärksten entzündungsfördernden körpereigenen Botenstoff (Tumornekrosefaktor alpha: TNF-alpha) blockieren. Als viel versprechend gelten auch Gentechprodukte, die diesen Faktor im Blut abfangen.

Nicht alle Patienten sprechen allerdings gut darauf an. Deshalb werden immer neue Medikamente entwickelt. Zum Beispiel Rituximab, ebenfalls monoklonale Antikörper, die bisher in der Behandlung von Blutkrebs (Non-Hodgin-Lymphom) eingesetzt wurden. Die Wirksubstanz richtet sich gegen bestimmte weiße Blutkörperchen, die B-Lymphozyten, die entarten und alle anderen Blutzellen überwuchern bzw. bei Rheuma an den entzündlichen Prozessen beteiligt sind.

Auch andere Beispiele von Medikamentenentwicklungen gibt es, die Anlass zur Hoffnung bieten. Der Pharmakonzern Wyeth zum Beispiel schwört auf Embrel, das laut klinischen Studien die chronische Polyarthritis stoppen kann. Nach drei Jahren soll die Krankheit bei 40 Prozent der Patienten zum Stillstand kommen.

Ein Wettbewerb
Der Wettbewerb unter den Pharmafirmen heißt: Wer hat das beste Biotechmedikament gegen chronische Polyarthritis? Auch Österreicher mischen mit, zum Beispiel das unlängst beim Best-of-Biotech-Wettbewerb ausgezeichnete Jungunternehmen ProtAffin. Hier werden Mittel entwickelt, die die Reaktionskette unterbrechen sollen, die zu chronischen Entzündungskrankheiten wie Polyarthritis führt. Die Produkte sind derzeit in vorklinischen Tests: Studien zur Wirksamkeit bei Entzündungskrankheiten werden in verschiedenen Tiermodellen in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität in München durchgeführt. Andreas Kungl, einer der Chefs von Protaffin, außerdem Professor am Institut für pharmazeutische Chemie und pharmazeutische Technologie an der Universität Graz, glaubt, dass die klinische Phase 2007 beginnen könnte. Marktreif sollte das Medikament 2015 sein.

Die chronische Polyarthritis, deren Ursache nicht völlig geklärt ist (vielleicht eine autoimmune Ursache), ist vielleicht nicht das einzige Anwendungsgebiet der Entwicklung. Kungl glaubt, dass auch Patienten, die an Asthma oder Psoriasis (Schuppenflechte) leiden, damit einmal geholfen werden könnte. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 18.07.2005)

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