Scotland Yard: "Keine eindeutigen Beweise"

19. Juli 2005, 12:33
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Die Attentäter könnten "ausgetrickst" worden sein - Einer der Männer war bereits einmal im Visier der Fahnder und wurde als "ungefährlich" eingestuft

London/Kairo - Je schneller die Ermittlungen zu den Londoner Terrorattentaten fortzuschreiten schienen, desto bedächtiger und vorsichtiger gab sich Scotland Yard bisher. Am vergangenen Wochenende waren sogar einige bereits bestätigten Ergebnisse wieder relativiert worden.

So zitierte etwa der Sunday Telegraph einen Scotland-Yard-Sprecher, der erklärte: "Wir haben keine eindeutigen Beweise, dass die Männer Selbstmordattentäter waren. Es ist möglich, dass sie nicht die Absicht hatten zu sterben." Dafür spreche, dass die vier Attentäter Parkscheine bezahlt, Rückfahrscheine gelöst, Ausweise mitgeführt, vor den Detonationen nicht "Allah ist groß" gerufen hätten. Eine Hypothese der Sicherheitsbehörden sei, dass die vier Männer schlicht nicht wussten, dass die Bomben explodieren würden, während sie sie transportieren. "Sie könnten ausgetrickst worden sein", hieß es. Dagegen spricht, dass an den Tatorten keine Zeitzünder gefunden wurden. Außerdem sprach Scotland-Yard-Chef Ian Blair selbst vor wenigen Tagen von Selbstmordattentaten.

Keine Auslieferung

Die ägyptischen Behörden ließen indes verlauten, dass der in Kairo festgenommene Chemiker Magdi al-Nasher keine Kontakte zur Terrororganisation Ali-Kaida habe. Er hatte nach Berichten der Londoner Times ein Haus in Leeds gemietet, in dessen Badewanne Rückstände des in London verwendeten Sprengstoffes gefunden worden sein sollen. Al-Nasher bestritt jede Verbindung zu den Attentaten, er sei in Ägypten auf Urlaub gewesen. Britische Geheimdienstler vernahmen den Mann am Wochenende, Kairo will ihn allerdings nicht an London ausliefern. Das verbiete die ägyptische Verfassung.

Unterdessen sind auch in Pakistan zwei Verdächtige festgenommen worden. Die in Lahore gefassten Männer werden verdächtigt, mit einem der Attentäter, Shehzad Tanweer, Kontakt unterhalten zu haben. Damit haben die Sicherheitskräfte des Landes im Zusammenhang mit den Anschlägen insgesamt sechs Menschen in Gewahrsam genommen. "Die Pakistan-Verbindung ist am interessantesten", sagte Ian Blair der BBC. Drei von vier Attentäter seien Briten pakistanischer Abstammung, mindestens zwei hätten sich zum Jahreswechsel monatelang in Pakistan aufgehalten. Es wird vermutet, dass sie dort in Koranschulen unterrichtet und radikalisiert worden seien.

"Ungefährliche Randfigur

Mohammed Sidique Khan, der die Bombe in die Edgware Road getragen haben soll, könnte zudem im Mittelpunkt einer Panne der britischen Terrorabwehr vor den Anschlägen stehen. Der Sunday Times zufolge habe ihn der Geheimdienst MI5 überprüft und nicht als Bedrohung eingestuft. Er sei in einen geplanten Anschlag in London verwickelt gewesen, jedoch vom MI5 als "ungefährliche Randfigur" eingeschätzt worden

Die Vermutung, der Geheimdienst habe versagt, schien ein Bericht der israelischen Zeitung Ma'ariv vom Sonntag zu stützen. Demnach soll Khan geholfen haben, einen Selbstmordanschlag im Jahr 2003 auf eine Bar in Tel Aviv vorzubereiten. Das Blatt berief sich auf Informationen aus Geheimdienstkreisen. Aus diesen Quellen hieß es jedoch, der Bericht sei nicht ausreichend begründet. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 18.7.2005)

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    Polizisten vor einem Haus in einem typischen Arbeiterviertel von Leeds, das im Zusammenhang mit den Londoner Anschlägen durchsucht wird.

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