STANDARD-Interview: Ich bin sozial vom PC abhängig

25. Juli 2005, 11:53
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Der britische Mathematiker und Usability-Experte Alan Dix hielt kürzlich am Forschungszentrum Telekommunikation in Wien einen Vortrag. Karin Pollack sprach mit ihm über perfektes Design von Systemen und die digitale Vernetzung des Privatlebens.

STANDARD: Ihr Thema ist die Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Welche Regeln sind dabei zu beachten?

Dix: Ich denke, dass der Zufall beim Benutzen jedes Systems grundsätzlich eine entscheidende Rolle spielt. Jeder Mensch hat seine individuelle Art, ein Computerprogramm zu bedienen. Ein perfektes Design kann es deshalb nicht geben, weil die Welt, in der wir leben, nicht perfekt ist.

STANDARD: Für Software-Designer ist das doch der Horror?

Dix: Nein, denn es geht ja darum, bereits im Designprozess die Dinge, die falsch laufen oder falsch laufen könnten, zu berücksichtigen. Systeme sollten von vornherein eine Funktion des "Sich-selbst-Reparierens" im Konzept haben. Der Gedanke ist folgender: Wenn etwas funktioniert, dann ist es gut, wenn nicht, dann sollte das System trotzdem nicht zusammenbrechen.

STANDARD: Sie sprechen dabei von angemessener Intelligenz. Was verstehen Sie darunter?

Dix: Wenn etwas funktioniert, ist es gut, wenn nicht, dann sollte das System nicht durcheinander kommen. Im besten Fall errät ein Programm, was der User machen will.

STANDARD: Wie das?


Dix: Es gibt überall Muster in der Nutzung. Man muss Muster aufdecken, analysieren und dann die richtigen Schlüsse ziehen.

STANDARD: Was ist Usability?

Dix: Es ist die Leichtigkeit in der Handhabung von Systemen. Die Kriterien "useful, usable, used", also "nützlich, benutzbar, benutzt", sollten verwirklicht sein.

STANDARD: Klingt einfach.

Dix: Nicht unbedingt, weil es im Usability-Design darum geht, Komplexität und Kompliziertheit auszutarieren. Oftmals sind Systeme an sich unglaublich vielschichtig. Trotzdem: Ziel ist es, sie einfach bedienbar zu machen.

STANDARD: Wo ist das gelungen?

Dix: Als Apple-User der ersten Stunde war für mich die Bedienung des Computers mit der Maus von Anfang gut gelöst. Die Bewegung der Hand und die Bewegung des Cursors am Bildschirm sind nicht synchron, da gibt es eine wirklich gut ausgeklügelte Beschleunigung, die man als User gar nicht wahrnimmt. Das Fine-Tuning machte hier die gute Usability aus. Anderes Beispiel: die Scrollleiste bei Dokumenten. Wenn man den Pfeil, der nach oben schaut, anklickt, bewegt sich der Text nach unten. Das ist zwar das Gegenteil der Aktion, aber wird intuitiv verstanden.

STANDARD: Gibt es Beispiele für mangelhafte Usability?

Dix: Mit solchen Urteilen bin ich vorsichtig geworden, denn was mir nicht gefällt, finden andere genial und umgekehrt.

STANDARD: Sind Ärger und Unmut eines Users nicht Indikatoren für schlechte Usability?

Dix: Nein, so einfach ist es nicht. Es gibt auch Dinge, die schlecht laufen, ohne dass der User es bemerkt. Der Mensch hat die Fähigkeit, auch unter schlechten Bedingungen seine Ziele zu erreichen.

STANDARD: Mathematiker Dix ist also User-Psychologe?

Dix: Ich beobachte Vorgänge, suche Muster und ziehe daraus Schlüsse, auf deren Basis man Neues entwickeln kann.

STANDARD: Welche Technologie interessiert Sie am meisten?

Dix: Connectivity, also das Vernetztsein. Es sind ja zunehmend mehr Menschen miteinander virtuell verbunden, und gerade darin liegt auch die Herausforderung für die heutigen Designer, die Applikationen kreieren, die gut genug für jeden sein müssen.

STANDARD: Sie meinen Massentauglichkeit?

Dix: Ich meine die vielen Menschen, die Dinge zufällig nutzen und damit zurechtkommen wollen. Etwas anderes ist es, wenn man sich bewusst für ein System entscheidet, da hat man andere Ansprüche. Es ist so wie mit guter und sehr guter Schokolade. Gute Schokolade würde man essen, für sehr gute Schokolade würde man sich entscheiden. Beides ist Schokolade.

STANDARD: Welche Usability-Sünden sind die größten?

Dix: Einer der größten Fehler von Designern: glauben, der User wäre so wie er. Auch der Glaube, es allen recht machen zu können, ist Illusion.

STANDARD: Glauben Sie an Multifunktionalität?

Dix: Ich glaube daran. Ich benutze einen Computer und mache viele verschiedene Dinge damit. Wirklich neu daran ist die soziale Komponente von PCs. Es gibt viele Menschen, die ich nur via Internet kenne, mit denen ich aber befreundet bin. Man braucht neue Methoden, mit seinen virtuellen Freunden in Kontakt zu bleiben. Ich bin also in sozialer Hinsicht vom PC abhängig.

STANDARD: Wie wird unsere Zukunft in 20 Jahren aussehen?

Dix: Im Büro wird sich nicht viel ändern, aber unser Privatleben wird sich durch das digitale Vernetztsein wandeln. Jeder von uns wird Daten sammeln: E-Mails, Websites, Fotos, Musik. Eine Herausforderung wird darin bestehen, in diesen riesigen persönlichen Datenspeichern, Daten, die wir gerade brauchen, jederzeit wieder auffinden zu können. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.07.2005)

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    hendrich
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