Heilt schneller und besser

25. Juli 2005, 11:53
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Tissue-Engineering in der klinischen Praxis: Erfolg mit Gelenksknorpel

Die Vorstellung mutet gespenstisch an: Wissenschafter züchten in ihren Labors ganze menschliche Körperteile. Eine Prise hiervon, ein paar Gewebeteile davon, das Ganze kurz erhitzt - und fertig ist das Herz, die Leber, die Niere. "Wir werden das sicher nicht mehr erleben", wehrt der Wiener Mediziner Stefan Marlovits allzu kecke Vorstellungen von der vermeintlichen Hexenküche Tissue-Engineering ab.

Dessen ungeachtet geht die Forschung in diese Richtung, und sie verzeichnet teils verblüffende Erfolge. "Vor drei Wochen haben wir das 500. Transplantat eingesetzt", freut sich etwa Martin Hennes von der im regionalen Innovationszentrum Krems (RIZ) ansässigen Ars Arthro. In der Biotechfirma werden hochwertige Gelenkknorpel auf Basis einer Collagen-Matrix gezüchtet.

Bei Sportverletzungen splitterten oft Knorpelteile ab. Das verbleibende Gewebe regeneriere sich nicht mehr, erklärt Hennes. Die Patienten seien in der Folge auf Teilprothesen angewiesen, oft verbunden mit großen Schmerzen. Patienten mit gezüchtetem Knorpelersatz seien im Gegensatz dazu wieder "voll einsatzfähig."

Die Ars-Arthro-Trägersubstanzen werden bereits in rund 15 Spitälern in Österreich verwendet, allein im Wiener AKH wurden seit dem Jahr 2000 bereits 150 solche Operationen durchgeführt, die Erfolgsquote liegt bei beeindruckenden 85 Prozent.

Gute Heilungschancen erwartet man sich auch beim Knochenersatz. "Patienteneigene Materialien in Kombination mit Trägersubstanzen regenerieren besser und schneller", erklärt der Mediziner Stefan Marlovits.

Erleichterung nach Verbrennungen verschaffen gezüchtete Hautteile. "Es geht um die Deckung, damit Weichteile abgedeckt sind." Wobei die Technologie hier an ihre Grenzen stößt: Wie natürliche Haut könnten die gezüchteten Teile niemals ausschauen und auch nicht funktionieren, denn Schweiß-, und Fettdrüsen ließen sich im Labor nicht herstellen. "Die Haut wirkt spröder und ist dann auch entsprechend zu pflegen", rät Marlovits.

Künstliche Zellen

Mit Spannung zu verfolgen ist auch die Forschung an künstlich hergestellter Pankreasinselzellen zur Behandlung von Diabetes. Sie sollen wie berichtet Insulin produzieren und Zuckerkranke von der Spritze befreien. Ebenfalls unter der Lupe der Bioingenieure sind künstlich gezüchtete Nervenzellen bei Rückenmarksverletzungen. Wenig erfolgreich waren bisher Versuche bei Parkinson: Zellen ins Gehirn zu applizieren bedürfe eines hohen technischen Aufwandes, meint Marlovits.

Die Gewebezüchtung gilt als eine der teuersten medizinischen Technologien. Bei den Gelenksknorpeln etwa wird jedes einzelne Transplantat extra angefertigt. Ein Ersatz kostet zwischen 3000 und 6000 Euro - exklusive OP-und Spitalsaufenthaltskosten. Die Wirtschaft sei dennoch interessiert, in die Forschung an derlei kostenintensiven Behandlungen zu investieren. Hennes: "Längerfristig gesehen ist TE im Vergleich zu einer Prothese, mehrfachen Eingriffen und drohender Lähmung sicher die günstigere Alternative." (prie/DER STANDARD, Printausgabe, 18.07.2005)

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