Operettentante, geliftet: Zum Gesundlachen

18. Juli 2005, 19:17
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Fulminanter "Klangbogen"-Auftakt: Volkstheaterdirektor Michael Schottenberg verlegte Franz Lehárs Operette "Graf von Luxemburg" in das Wien der 1950er-Jahre

Wien - Na also: geht doch! Eine Völlig-aus-dem-Häuschen-Stimmung beim Schlussapplaus, entfesselte Kreischerei und hochfrequente Klatscherei in ekstatisch-akustischem Miteinander. Operette sich, wer kann? Nicht an diesem Abend! Gesundgelacht durch eine vor Ideen berstende, blödelpralle Bilderwelt und gefühlsgesättigt von soufflésüßem Melodiewerk, war man hinterher einfach nur eines: aufgekratzt und glücklich.

Was die Volksoper derzeit nicht wirklich glauben zu machen imstande ist, demonstrierte der neue Direktor des Volkstheaters, Michael Schottenberg, beim Klangbogen: dass die Entertainmenttante Operette auch für Unterhaltungswillige diesseits des Kukident-Alterslimits noch etwas zu bieten hat - und dafür nicht einmal in original üppiger Auftakelung daherkommen muss, wie von professioneller Operettenretterseite immer wieder proklamiert wird.

Denn Schottenberg hat Franz Lehárs Meisteroperette vom Paris von vor 100 Jahren ins Wien von 1954 transferiert und zu diesem Behufe auch gleich das Libretto (abgesehen von den Gesangstexten) komplett neu verfasst. Die Titelfigur etwa ist bei Schottenberg kein Adeliger, sondern ein verarmter Schriftsteller namens René Graf; Graf von Luxemburg - der Titel seines noch unvollendeten Romans - ist bloß sein Spitzname innerhalb einer Clique von Künstlerfreunden (deren Namen Harry Wiener, Paul Mikl oder Yvonne Bachmann die lokalhistorischen Vorbilder nur unschwer erahnen lassen).

Im grau-kalten Souterrain-Atelier des Malers Armand, Pardon: Manfred Prskawetz, oder im zuckerlfarbenen Büfettraum eines Unterhaltungstheaters (Bühne: Hans Kudlich) lässt Schottenberg das gerade einmal hauchzart wirtschaftswunderwachgeküsste Nachkriegs-Wien wieder auferstehen. Ein gutes Dutzend darstellungsstarker Singschauspieler (Highlights: Karl F. Kratzl, Gernot Kranner) sowie eine Hand voll dazu erfundener Kleinstrollen betten die Gesangsnummern in ein stimmungsvolles szenisches Lager - was den drei professionell singenden Operettenpaaren sichtlich Freude bereitete.

So gab Bo Skovhus die Titelfigur mit kraftstrotzender, im intimen Theater an der Wien oft etwas forciert wirkenden Lustigkeit; Juliane Banse wusste mit ihrem wendigen, leicht spröde klingenden Sopran eine sanft-elegant-rehhafte Angelika darzustellen. Gabriela Bone servierte die Julie Vermont derart süß und keck und vif, dass man die Limitiertheit ihres Soprans kaum zur Kenntnis nahm; Rainer Trost (als Prskawetz) durfte also wirklich froh sein, dass die Widerborstigkeit seines angebeteten Akt-Modells lediglich ihre übergroße Liebe zu ihm bemäntelte.

Andreas Conrad gab einen stimmlich kräftigen, sympathisch schmierigen Heirats-Handelsdelegierten, Eva Maria Marold war als seine sexsüchtige Frau der Kracher des Abends - wenn auch damit zu rechnen ist, dass die Berliner Geschwister Pfister, speziell deren Domina Fräulein Schneider, Plagiatsklagen gegen Marolds Rollengestaltung einbringen dürften.

Plácido Domingo durfte miterleben, wie Alfred Eschwé das mit präziser Sinnlichkeit aufspielende RSO Wien souverän durch Lehárs Erfolgswerk führte: Die Sanftheit, mit der Eschwé etwa die Valse moderato von "ist du's, lachendes Glück" anging, könnte dem dirigierenden Tenorstar für seine beiden Dirigate am 30. Juli. und 2. August durchaus als Vorbild dienen. (Stefan Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 7. 2005)

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    Ein voller Erfolg im Theater an der Wien: Juliane Banse als sexsüchtige Anastasia Iwanowa Kokosowa, Bo Skovhus als verarmter Schriftsteller René Graf.

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