Kopf des Tages: Georg Totschnig

28. Juni 2006, 17:13
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Die Rührung als eine Königsetappe

Da liegt er nun und heult. Wer fast sechs Stunden und mehr als 220 Kilometer quer durch die Pyrenäen geradelt ist, tut das sowieso, aber natürlich weit früher und intensiver als Georg Totschnig. Denn der heult ja nicht der Schmerzen oder der Erschöpfung wegen. Georg Totschnig heult, wie jeder heulen würde, wenn ihm plötzlich der Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist.

Dass der mit einem zweiten in engster Verbindung steht, zeigt Georg Totschnig auch gleich, haltlos geworden vor Glück. "Den Sieg", sagt er und schluckt, "widme ich", schluchzt er, "meiner Frau und den Kindern", heult er. Auch die Rührung ist so was wie eine Königsetappe.

Georg Totschnig ist der erste Österreicher seit 74 Jahren, der beim größten, schwersten, berühmtesten Radrennen der Welt eine Etappe gewinnen konnte. In nicht ganz untypischer Österreicherei bastelte die Austria Presse Agentur deshalb gleich einmal die Schlagzeile: "Österreich bei Tour de France am Weg zur Großmacht", ein Satz, bei dem immerhin das Wort "am" nachvollziehbar scheint, trotz Totschnig und den vielen anderen, die mitradeln können neben der Weltspitze.

An sich hätte Georg Totschnig durchaus Teil einer Großmacht sein können. Der 1971 in Innsbruck Geborene und im Zillertaler Kaltenbach Aufgewachsene besuchte ja die Skihauptschule in Neustift, wechselte aber dann ins Gymnasium nach Schwaz, wo ihm das Skifahren als bloßes Hobby verblieb. Vater Hansjörg war ein begeisterter Amateurradler, und so ergab es sich ziemlich von selbst, dass er auch Georgs erster Trainer wurde, der ihn 1987 in die ersten Jugendrennen coachte.

Der große, endgültige Sprung geschah 1994, da holte ihn das Team Polti zu den Profis, wo er für Weltmeister Gianni Bugno das Wasser trug. Von Polti wechselte er als Domestik von Jan Ullrich zur "Telekom", um von dort zum Mannschaftsführer von "Gerolsteiner" aufzusteigen. Totschnig dankte es mit Spitzenplätzen bei der Tour de Suisse, dem Giro d'Italia und der Tour de France. Im Vorjahr etwa wurde er bei der Tour einmal Etappen-Dritter und insgesamt Siebter.

Aber jetzt, oben in Ax-3 Domaines, nach 5:43:43 Stunden und 220,5 Kilometer quer durch die Pyrenäen, erscheinen diese Erfolge nur noch wie kurze Flachetappen beim Anrollen zum Eigentlichen.

Mit dem Handy des Physiotherapeuten ruft er, noch ein wenig verheult, Gattin Michaela und die beiden Kinder an. Er will die Daheimgebliebenen informieren. Aber die sind schon im Bilde, dass, so Michaela Totschnig, "Georg sich heute einen Lebenstraum erfüllt hat". Sie selbst erfüllt Telefondienst: "Egal, wer heute aus dem Tal anruft, alle heulen am Telefon vor Glück."

Denn Rührung ist eine Königsetappe, an der möglichst alle teilnehmen wollen. (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 18. Juli 2005, Kommentar, Wolfgang Weisgram)

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