Forestglade: Der Triumph der Schlabberhosen

22. Juli 2005, 22:29
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Am zweiten Tag des heuer bereits zum zehnten Mal ausgetragenen Festivals im burgenländischen Wiesen bestach eine Band: Starsailor

Trotz - oder gerade wegen - der Schräglage ihres Sängers James Walsh erlebte man hier eine Stern(hagelvolle)stunde.

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Wiesen - Mag sein, dass es an der bekannt schlechten Bandchemie lag. Immerhin gingen die internen Reibereien von Garbage vor ein paar Jahren so weit, dass die Band um Shirley Manson und den dort trommelnden Starproduzenten Butch Vig, der 1991 Nirvanas Welteroberungsalbum Nevermind aus der Taufe gehoben hatte, auf Eis gelegt war. Auf unbestimmte Zeit. Deshalb überraschte es, als heuer dann das Album Bleed Like Me erschien - und im Vergleich zum Vorgänger auch noch zu überzeugen wusste.

Doch der US-Band mit der aus Schottland stammenden Sängerin, die hier in Wiesen im antischicken 80er-Jahre-Minikleid samt Schweißband und Boxerschuhen Aerobicübungen aufführte, gelang es am Samstag um Mitternacht nicht zu begeistern. Das akademisch anmutende Spiel der Band vermochte am Ende einer zweimonatigen Tournee nicht den Druck zu generieren, den man für ein Publikum braucht, das um diese Zeit bereits acht oder mehr Stunden Programm erlebt hat.

Da halfen keine geilen Posen in geilen Strümpfen, nicht das wuchtige Rhythmusspiel Vigs und nicht die viel zu sauberen Gitarrenriffs von Duke Erikson. Und natürlich auch keine Besoffenen, die diverse Flüssigkeiten Richtung Manson fliegen ließen, Manson zu Recht erzürnten - um dann vom Gelände entsorgt zu werden. Trotzdem: Garbage enttäuschte routiniert.

Doch das Publikum des heuer zum zehnten Mal ausgetragenen Forestglade-Festivals erlebte davor Auftritte, die den Weg ins Burgenland mehr als nur gerechtfertigt haben. The Hives, Skandinavier, die amerikanischen Garagenrock aus den 60er-Jahren unter besonderer Berücksichtigung der diesbezüglichen Säulenheiligen The Sonics wiederbeleben, besorgten es sich und ihren Fans mit ihrer kecken Bühnenshow nachdrücklich.

Dass der Tonmischer zu Beginn des Konzerts dieses rabiaten Quintetts zumindest ein verschlagenes Ohr gehabt haben muss, äußerte sich dahingehend, dass der Gesang von Howlin' Pelle Almqvist kaum aus dem Krach seiner rockenden und rollenden Gefolgschaft vernehmbar war - selbst wenn der quirlige Mädchenschwarm sein Mikro tatsächlich an seinen Lippen hatte und es nicht kunstvoll gegen den Zelthimmel jagte, um es von dort elegant wieder heimzuholen: Posen in Sakkos und Hosen.

Das war also gut und nett anzusehen und mit der notwendigen Energie in den Acker gespielt. Doch Garagenrock ist nun einmal formal eng wie die dazu passenden Röhrlhosen, und so sorgte der Auftritt der den Hives folgenden britischen Starsailor endlich für Abwechslung.

Der schmale Grat

Diese Vertreter eines sensibleren Brit-Pop rund um den charmanten Frontmann James Walsh belegten mit wenig Stücken, wie ungleich fantasievoller sie im Vergleich zu ihren Label-Kollegen sind, den beständig denselben Song wiederkauenden Superstars von Coldplay. Der Aufführung ihrer Songs förderlich war zudem, dass Walsh sich offensichtlich unter Zufuhr nicht zu geringer Mengen heimischen Gerstensafts um die letzten Hemmungen gebracht hatte. Doch den schmalen Grat zwischen sternhagelvoll Abstinken und "the power of positiv drinking" meisterte der Schlabberjeansträger mit Grandezza - sieht man von einigen Momenten ab, in denen die Feinmotorik des also Dauergrinsenden nicht mehr so ganz funktionierte. Mit noch nicht erlebter Hingabe arbeitete er sich und seine kongeniale Band durch die Highlights ihres erst schmalen Gesamtwerks - angereichert um ein paar neue Songs des im Frühherbst erscheinenden dritten Albums.

Silence Is Easy, titelgebender Song des zweiten Albums, wurde in seiner Liveaufführung zu nichts weniger als einer Hymne. Ebenso Music Was Saved, das augenzwinkernd angekündigte Alcoholic sowie das gegen Ende der Show gegebene Four To The Floor. Ein Song, der an das Clubmonster Step On von den dahingegangenen Rave-Helden Happy Mondays angelehnt ist.

Neben all diesen mit Herzblut in die Nacht gespielten, gelittenen und gejagten Songs erlebte man mit Starsailor vor allem auch eine Band, die ohne schale Routine Begeisterung nicht nur zu geben, sondern auch zu empfangen wusste. Wunderbar!

Kein Wunder, dass es Garbage im Anschluss doppelt schwer hatte. (Karl Fluch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 7. 2005)

  • James Walsh von Starsailor: Wer sagt, dass eine Rauschkugel nicht unglaublich charmant sein kann?
    foto: standard/christian fischer

    James Walsh von Starsailor: Wer sagt, dass eine Rauschkugel nicht unglaublich charmant sein kann?

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