Mit dem Terror leben

29. Juli 2005, 15:48
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Die Angst vor ihm wird uns mindestens noch so lange begleiten, wie der Irakkrieg dauert - Kolumne von Barbara Coudenhove-Kalergi

Wie man mit dem internationalen Terror umgeht, haben die Briten der Welt eindrucksvoll gezeigt: Man tut so, als sei nichts gewesen. Man wird nicht hysterisch und macht einfach weiter. Geheimdienstarbeit, Polizeieinsatz, Überwachung, grenzüberschreitende Kooperation - das ja. Was die Behörden tun können, um die Täter zu finden und weitere Attentate zu verhindern, tun sie und das auf professionellste Weise. Aber alles vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass es einen wirklichen Schutz vor Terroristen nicht gibt. Man muss mit dem Terror leben.

Es ist interessant, diese stoische britische Haltung mit der Reaktion der US-Amerikaner auf den Anschlag vom 11. September zu vergleichen. Gewiss, das Hineinkrachen der beiden Linienflugzeuge in die Türme des World Trade Center in New York war spektakulärer und die Zahl der Toten war höher als bei den Bombenanschlägen in London. Da wie dort leisteten die Rettungsmannschaften selbstlosen und unermüdlichen Einsatz, da wie dort zeigten die Menschen Solidarität und Hilfsbereitschaft. Aber etwas war doch grundlegend anders:

Bei den US Bürgern schien die Empfindung vorzuherrschen: Das darf doch nicht wahr sein. Das können sie doch mit uns nicht machen, nicht auf amerikanischem Boden, nicht in Gottes eigenem Land.

Bei den Briten sagte ein Befragter um den anderen: So etwas haben wir erwartet. So etwas Ähnliches haben wir schon früher mitgemacht, als die Deutschen im Zweiten Weltkrieg London bombardierten und als die IRA ihre Anschläge durchführte, und wir haben es auch überstanden. Das ist eben unsere Welt.

Hier sprach die lange Erfahrung des alten Europa mit Krieg und Gewalt, dort das blanke Entsetzen einer Bevölkerung, die dergleichen stets nur aus der Entfernung von tausenden Kilometern und im Fernsehen erlebt hat.

Und auch die öffentliche Antwort auf die Anschläge in den beiden Ländern hätte unterschiedlicher nicht sein können. In den USA brandete eine Welle des leidenschaftlichen Patriotismus hoch. Man hängte Fahnen aus den Fenstern und steckte sich Stars-and-Stripes-Abzeichen ans Jackett. Man sang bei jeder Gelegenheit die Nationalhymne, die Hand aufs Herz gelegt. Der Präsident erklärte dem Terror den Krieg und versprach, diesen Terror zu besiegen und auszurotten.

Nichts dergleichen im Vereinigten Königreich. Pathos und Drohungen mag man dortzulande nicht. Die Leute gaben sich betont gelassen, der Londoner Bürgermeister fuhr demonstrativ mit der U-Bahn ins Büro und der Premierminister sagte: Wenn sie glauben, unsere Lebensweise verändern zu können, dann irren sie sich, wir werden sie nicht verändern.

Was wäre, wenn Österreich ins Fadenkreuz des Terrorismus geriete? Wie würden wir reagieren? Die Österreicher, besonders die Wiener, gelten als notorische Jammerer und Raunzer. Vor allem, wenn es um Kleinigkeiten geht. Wir schimpfen, wenn das Essen kalt ist oder die Straßenbahn nicht kommt.

Möglich freilich, dass wir im Umgang mit einer wirklichen Krise gar nicht so schlecht wären. Bomben, Trümmer, Gewalt, Tod und Verderben haben die Österreicher in ihrer Geschichte oft genug erlebt. Sie wissen aus Erfahrung, dass man manche Katastrophen einfach nicht zuverlässig ein für alle Mal ausschließen kann. Man kann nur das Nötige tun, um Gefahren möglichst zu vermeiden, und nicht die Nerven wegschmeißen, wenn sie trotzdem da sind.

Die Angst vor dem Terror wird die Europäer noch eine gute Weile begleiten, mindestens so lange, wie der Irakkrieg dauert und die Nahostfrage nicht gelöst ist. Bis dahin werden wir gut daran tun, von den Briten zu lernen, wie man mit dem Terror lebt. (DER STANDARD, Print, 18.7.2005)

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