"Es ist alles eine Frage der Zeit"

18. Juli 2005, 12:30
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Landschaftsplanerin Elke Szalai im dieStandard.at- Interview über die Etablierung des Gender-Ansatzes in der Planung

Knoll & Szalai - Technisches Büro für Landschaftsplanung und Unternehmensberatung wurde von den Landschaftsplanerinnen Bente Knoll und Elke Szalai gegründet, ist regional, national sowie international tätig und hat den Firmensitz in Wien.

KnollSzalai arbeitet und forscht zu Gender, Diversity Management, Gender Mainstreaming und den Bezügen zur Stadt-, Landschafts- und Regionalplanung, sowie zu Umwelt, Nachhaltigkeit, Naturwissenschaft und Technik.

dieStandard.at: Gemeinsam mit ihrer Kollegin Bente Knoll betreiben Sie seit Februar 2004 ein Büro für Landschaftsplanung (LAP) mit Gender-Schwerpunkt in Wien. Was genau umfasst die Landschaftsplanung?

Elke Szalai: Die Landschaftsplanung ist von der Ausbildung her sehr breit gestreut und lässt sich als planerische Disziplin zwischen Architektur und Ökologie einordnen. Das Arbeitsfeld von Landschaftsplanungsbüros reicht von der Gestaltung von Frei- und Grünräumen in Stadt und Land über Consulting und Bürgerbeteiligung bis zur Bauausführung auf Baustellen, Verkehrsplanung, Ingenieurbiologie und Naturschutz und vielem mehr.

dieStandard.at: Studieren kann man dieses Fach an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien. Dort haben auch Sie und Frau Knoll den Titel der Diplomingenieurin erworben und dabei den Genderaspekt in der LAP entdeckt…

Elke Szalai: Ja, die "Feministische LAP", wie Bente Knoll und ich sie nennen, hat seit den späten Achtziger-Jahren an der BOKU Tradition. Eine Gruppe engagierter Frauen hat damals versucht, frauen- und geschlechtsspezifische Aspekte stärker in die Landschaftsplanung einzubinden. Als ich zu studieren begann gab es dann schon erste Vorlesungen dazu. Zunächst wurde dabei vor allem mit den Landwirtschafts-StudentInnen kooperiert, Frauen am Land war ein erster großer Schwerpunkt. Wir haben im Rahmen eines Arbeitskreises zu feministischer Planung zusammen mit Architektinnen an der Verbindung Frauen und Geschlechterforschung und Planung gearbeitet. Aktuell wird von den Lehrenden der Einstieg in Gender Mainstreaming gemacht, der noch nicht ganz geglückt ist - es fehlen aus meiner Sicht noch die innovativen Inhalte und die Bezüge zur Praxis.

dieStandard.at: Welche Aspekte stecken hinter Gender Planning?

Elke Szalai: Die wichtige Frage in der Planung ist, wer entscheidet, Männer oder Frauen, und wie könnte es anders aussehen, wenn aus der Geschlechterperspektive geplant wird. Im Moment sind Planungs- und Gestaltungsprozesse sehr männerdominiert, egal auf welcher Ebene. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Auswirkungen der planerischen Entscheidungen auf die Geschlechter und Geschlechterverhältnisse.

Generell ist festzuhalten, dass das Wissen der feministischen Planung und Genderforschung noch wenig Eingang in gängige Planungsüberlegungen gefunden hat. Aktuell ist die Position von Männern in Planungsabteilungen hierachisch höher und diese planen entlang ihres Alltags - des weißen, gesunden und motorisierten Mannes. Wir erleben immer, dass Männer im Planungsbereich viel stärker ihre Interessen einbringen können als Frauen. Hier etwas zu verändern und die Gleichstellung in der Planung zu fördern haben wir uns zum Ziel gesetzt. Ein schneller Erfolg aus der Genderperspektive ist aber nicht zu erwarten – was so lange patriarchal organisiert war, braucht Zeit, um sich zu verändern.

dieStandard.at: Welches konkrete Projekt betreuen Sie und Bente Knoll derzeit in Ihrem Büro?

Elke Szalai: Vorstellen möchte ich das soeben im Rahmen der Schriftenreihe "Niederösterreichisches Landesverkehrskonzept" mit dem Titel "Gender Mainstreaming und Mobilität in Niederösterreich" erschienene Heft. Es hat sich deutlich gezeigt, dass die gängigen verkehrsplanerischen Erhebungen die kurzen Wege und komplexe Wegeketten von Menschen nicht ausreichend abbilden. Es fehlen somit grundlegende Daten zu den Bedürfnissen von Frauen und Männern im Verkehr.

Dabei hat sich etwa gezeigt, dass der Alltag von Menschen mit Betreuungspflichten – und das sind meistens Frauen – eine spezielle Planung erfordert, weil sie andere Bedürfnisse haben: Bei einem gemeinsamen Workshop mit Menschen aus der Verwaltung, Gemeinden und PlanerInnen wurden auch Themen wie die Sicherheit im öffentlichen Raum eingebracht. Diese Broschüre soll den Gender Mainstreaming-Prozess in der niederösterreichischen Verkehrsplanung in Gang bringen und dient als Anstoß - wie die Ideen umgesetzt werden, ist dann eine politische Entscheidung.

dieStandard.at: In Ihrer Branche gibt es sicher auch Skeptiker gegenüber dem GeM-Ansatz. Was sind ihre Hauptargumente für Gender Mainstreaming in der Planung?

Elke Szalai: Durch Gender Mainstreaming wird der Planungsprozess nicht zwangsläufig besser, aber jedenfalls anders. Gender Mainstreaming bedeutet auch in der Planung oft gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen und in Frage zu stellen. Es geht auch darum, die Verteilung von Raum, Geld und Macht zu thematisieren und mehr Platz für die Erfüllung unterschiedlicher Ansprüche zu machen - ungeachtet der Geschlechtszugehörigkeit. Durch den Vertrag von Amsterdam und die drei MinisterInnenratsbeschlüsse zu GeM in Österreich sind Politik und Verwaltung - auch im Planungsbereich - aufgefordert, eine geschlechterbezogene Sichtweise in den gesamten Prozess einzubringen.

dieStandard.at: Den Genderansatz als Schwerpunkt der planerischen Arbeit im eigenen Büro zu nehmen entstand aus ihrer gemeinsamen Geschichte und ist in Österreich ein innovativer Ansatz...

Elke Szalai: Ja, allerdings. Wir haben uns auf Grund unserer langjährigen Erfahrungen und Planung für unseren Büroschwerpunkt entschieden und haben uns damit gut im internationalen Feld "Gender Planning" etabliert. Es ist ein schönes Gefühl, die persönlichen Anliegen im eigenen Büro umzusetzen und unsere bisherigen Erfolge zeigen uns, dass wir den richtigen Ansatz gewählt haben.

dieStandard.at: Was bietet KnollSzalai alles an?

Elke Szalai: Unsere Kernkompetenz liegt im Bereich Gender Mainstreaming in Kombination mit planerischem sowie naturwissenschaftlichem Fachwissen. Das umfasst Landschaftsplanung in Stadt und Land unter dem Gender-Ansatz, Gendertrainings zu Fachthemen, BürgerInnenbeteiligung, Gender Budgeting, Gender Mainstreaming und nachhaltige Entwicklung sowie feministische Expertisen für Verkehrsplanungsprojekte und Gender Consulting für Projektanträge im planerischen und naturwissenschaftlichen Bereich.. Weiters halten wir Fachreferate, verfassen planerische Fachartikel für diverse Fachzeitschriften wie zum Beispiel die "Koryphäe" und kooperieren mit zahlreichen feministisch-technisch-ökologischen Institutionen.

dieStandard.at: Welche Visionen haben Sie für die Zukunft ?

Elke Szalai: Für unser Büro und die Planung allgemein wünsche ich mir, dass die Gender-Planung Usus wird, über den nicht mehr diskutiert werden muss. Und für mich persönlich, dass meine Kollegin und ich, wenn wir in 40 Jahren zurückschauen, sagen können: Toll, dass wir gemeinsam zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen konnten. (isa)

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