Nachlese: Konflikt zwischen Sarkozy und Chirac zugespitzt

26. Juli 2005, 14:00
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Innenminister übt offene Kritik am Staatspräsidenten - Sozialisten kritisieren "Schein-Alternative"

Paris - Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy, Chef der bürgerlich-konservativen Regierungspartei "Union für eine Volksbewegung" (UMP), lässt keine Gelegenheit ungenützt, um sich gegenüber Staatspräsident Jacques Chirac (UMP) als Alternativkandidat für den Elysee-Palast im Jahr 2007 zu etablieren. Die jüngste Attacke erfolgte am Nationalfeiertag, dem 14. Juli, als Sarkozy parallel zur traditionellen TV-Ansprache Chiracs eine Pressekonferenz organisierte und an die Journalisten gewandt sagte: "Ich sehe mich lieber hier, statt dass ich dem Präsidenten zuhöre."

Sarkozy, der wie Chirac im Elysee-Palast an seinem gegenüber liegenden Amtssitz, dem Hotel Beauvau, eine Garden-Party zum Nationalfeiertag veranstaltete, prangerte dabei die "Unbeweglichkeit" Frankreichs an. "Vor lauter Unbeweglichkeit, nachdem man sich ständig ein Blatt vor den Mund nimmt und den Herausforderungen aus dem Weg geht, brummt Frankreich", sagte der UMP-Chef und fügte hinzu: "Ich versuche, die Klagen zu hören."

In kaum verhüllten Anspielungen auf Chirac stellte der Innenminister einen Vergleich mit dem glücklosen König Ludwig XVI. vor Ausbruch der Französischen Revolution von 1789 an. "Ich habe nicht die Absicht, ruhig die Schlösser in Versailles abzumontieren, während sich Frankreich erhebt", gab sich Sarkozy ironisch. (Ludwig XVI., der 1793 als "Bürger Louis Capet" auf der Guillotine öffentlich enthauptet wurde, hatte als Jugendlicher das Schlosserhandwerk erlernt, das zu seinem beliebtesten Zeitvertreib wurde).

Bereits im Vorfeld der Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag hatte der Innenminister den traditionellen Fernsehauftritt des Präsidenten kritisiert. Chiracs Ansprache in Form eines TV-Interviews sei von "keinem großen Interesse", meinte der konservative Politiker. "Ich frage mich, was Jacques Chirac sagen wird, wo es doch keine politische Aktualität gibt", sagte Sarkozy vergangenen Dienstag bei einem informellen Ministertreffen zum Staunen seiner Regierungskollegen.

Chirac selbst enthielt sich bei dem TV-Auftritt jeder Kritik an seinem Innenminister, ließ aber nach wie vor die Frage offen, ob er in zwei Jahren erneut für das Präsidentenamt kandidieren werde. "Sie werden es zum gegebenen Zeitpunkt erfahren", sagte der 72-Jährige lakonisch. Auch legte sich der Präsident nicht darauf fest, ob er 2007 eventuell eine Kandidatur Sarkozys oder von Premierminister Dominique de Villepin (UMP) unterstützen wird.

Die Zurückhaltung Chiracs bringt Sarkozy in Zugzwang. Insbesondere befürchtet der Innenminister, der gegenwärtig in allen Umfragen als beliebtester konservativer Präsidentschaftskandidat aufscheint, dass sich Villepin als Regierungschef bis 2007 ein "Präsidentenprofil" zulegen könnte. Zahlreiche politische Beobachter vermuten hinter dieser Befürchtung die Ursache dafür, dass sich Sarkozy ohne Unterlass von Chirac und Villepin zu distanzieren versucht. Der Chirac nahe stehende Regierungssprecher Jean-Francois Copé (UMP) unterstrich am Freitag die "Einheit" der Regierung, die Sarkozy immer wieder in Frage stellen will. "Heute wollen die Franzosen vor allem Aktion und Ergebnisse, und auf diese Weise wollen wir auch funktionieren", sagte Cope im Anschluss an eine Ministerratssitzung.

Die Linksopposition prangerte unterdessen den von Sarkozy für 2007 in Aussicht gestellten Machtwechsel als "Schein-Alternative" an. Sozialistenchef Francois Hollande erinnerte daran, dass der UMP-Chef vor Villepins Regierung auch jener des rechtsliberalen Premiers Jean-Pierre Raffarin (UMP) angehört hatte. "Sarkozy trifft dieselbe Wahl wie die Regierung, und er ist für dieselbe Politik verantwortlich", so Hollande.

"Sarkozy hat verstanden, dass Chirac von der öffentlichen Meinung stark abgelehnt wird, und daher versucht er, sich Punkt für Punkt von ihm zu distanzieren", sagte der sozialistische Ex-Premier Laurent Fabius im Radiosender RTL und fügte hinzu: "Aber in Wirklichkeit unterstützt er seine Politik. Sarkozy ist eine Art jüngerer Chirac." Fabius, der sich beim EU-Referendum gegen die europäische Verfassung ausgesprochen hatte, schloss ein Duell zwischen ihm und Sarkozy im zweiten Durchgang der Präsidentenwahl 2007 nicht aus. (APA)

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    Nicolas Sarkozy will Präsident werden an Stelle des Präsidenten

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