Kommentar der anderen: Der Neodarwinismus als Geburtshelfer des Neoliberalismus

15. Juli 2005, 21:22
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Rückenwind für Schönborn aus der Wirtschaftsforschung - von Ewald Walterskirchen

Kardinal Christoph Schönborn hat in seinem Artikel in der New York Times zu Recht jene neodarwinistischen Dogmatiker scharf angegriffen, die Leben nur als "Kampf der Gene" (Dawkins) interpretieren. Sie überschreiten die Grenzen der Wissenschaft bei Weitem und wollen eine Weltanschauung schaffen, die nur auf Zufall und Selektion beruht.

Für unser wirtschaftliches und soziales Leben erscheint diese Debatte deshalb wichtig, weil der Neodarwinismus als Geburtshelfer des Neoliberalismus anzusehen ist. Beide Theorien gehen davon aus, dass nur zufällige Veränderungen/Anpassungen über Selektion bzw. Wettbewerb den Entwicklungsprozess bestimmen. Der US-Ökonom Paul Krugman schreibt zu Recht, dass sich ein Lehrbuch der neoklassischen Mikroökonomie wie eine Einführung in die Mikrobiologie liest.

In der Ökonomie zeigt sich die Nähe zur Biologie besonders in den Arbeiten Hayeks, der als einer der Väter des Neoliberalismus gilt. Friedrich von Hayek, der Spross einer Biologenfamilie, spricht explizit von "Aussiebung" durch den Markt. Hayek hält eine hohe Arbeitslosenquote - ähnlich wie einen Populationsüberschuss in der Tierwelt - für ökonomisch wünschenswert, damit die natürliche Selektion greifen kann. Die OECD, der Hort des Neoliberalismus, interpretiert wiederum die wirtschaftliche Krise in Europa einfach als mangelnde Anpassungsfähigkeit an Schocks - ganz ähnlich wie die Neodarwinisten das Aussterben von Tierarten.

Die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen aus diesen Überlegungen sind klar: Die Wirtschaftspolitik braucht nur die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit der Selektionsmechanismus Markt richtig greifen kann. Im Klartext läuft dies darauf hinaus, das europäische Sozialmodell abzuschaffen.

Ähnlich wie die dogmatischen Neodarwinisten überschreiten auch die axiomatischen Ökonomen die Grenzen der Wissenschaft. In einer Demokratie haben die Wähler über das politische Modell zu entscheiden, nicht die Chefideologen, die sich das Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit umhängen. Die Vertreter der christlichen Soziallehre und die Verfechter einer sozialen Marktwirtschaft sitzen also im gleichen Boot - im Kampf gegen die sozialdarwinistischen und menschenverachtenden Tendenzen des Neoliberalismus.

"Gott würfelt nicht"

Für Darwin war die Anpassung die wunderbarste Eigenschaft der Lebewesen. Aber gibt es nicht darüber hinaus eine innere Entwicklung zu höherer Komplexität und Einheit? Kardinal Schönborn spricht vom Design und der Finalität der Evolution. Pierre Teilhard de Chardin hält die Tendenz zu höherer Komplexität und Einheit für so offensichtlich, aber so wenig verstanden. In meinem Buch "Der Weg in die Informationsgesellschaft" (Passagen Verlag, Wien 2005) habe ich versucht, das Design der Evolution zu skizzieren: Die Makroentwicklung schreitet auf allen Ebenen stufenweise von kleineren Einheiten zu Organisationsformen voran, die die Integration immer größerer und komplexerer Einheiten erlauben. Die aktuelle Entwicklung von der Nationalökonomie zur Weltwirtschaft ist nur ein Beispiel dafür.

Immer mehr Naturwissenschafter, die über den Tellerrand ihrer Spezialdisziplin hinausblicken, interpretieren das ähnlich. Der Genetiker Carsten Bresch sieht in der stufenweisen Integration von vorher unabhängigen Einheiten zu Gebilden höherer Komplexität das eigentliche Prinzip der Evolution. Konrad Lorenz spricht von "Fulgurationen", d. h. von völlig neuen Systemeigenschaften, die bei Zusammenschluss entstehen können. Lynn Margulis und Werner Schwemmler haben die Bedeutung der Symbiose für die Evolution ins rechte Licht gerückt. Auch für den Physik-Nobelpreisträger Gell-Man ist klar, dass höhere Organisationsebenen durch Kooperation und Vereinigung zustande kommen - nicht durch Zufall.

Von Albert Einstein stammt bekanntlich der Satz: "Gott würfelt nicht." Aus dieser Sicht der Welt ergeben sich völlig andere Konsequenzen für die Politik als aus der neodarwinistischen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17. 7. 2005)

Ewald Walterskirchen ist Wirtschaftsforscher in Wien
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