Kommentar der anderen: Schönborn zwischen Darwin und dem Herrn

15. Juli 2005, 21:15
20 Postings

Warum auch ein Gottloser den Intentionen des Wiener Kardinals durchaus Positives abgewinnen kann - von Hermes Phettberg

Warum auch ein Gottloser den Intentionen des Wiener Kardinals durchaus Positives abgewinnen kann. Und wie das mit den Essgewohnheiten der Mäuse und dem Aussterben der "Retzer" Wurst zusammenhängt.

---------------------------------

Auch wir Ungläubigen müssen akzeptieren, dass die Päpste und Kardinäle letztlich auf Gott zurückgreifen. Und so schwingt ein bisschen ein Stolz in mir, dass unser Kardinal Schönborn in der New York Times so groß rauskam. Es war viel schwerer zu lesen als seine wöchentlichen Texte in der Kronenzeitung. Ich musste dreimal durch, um es ein halbes Mal zu fassen.

Im Großen und Ganzen dürfte es darum gehen, dass Schönborn darauf reagiert, dass gewisse strenggläubige Kirchen in den Vereinigten Staaten es strikt ablehnen, dass Gott in der Schöpfung auch nur ein winzigstes Detail irgend einem Zufall überlassen hätte. Und da drauf hat der verstorbene Papst entgegengesetzt, dass unser wundervoller Schöpfer so groß war, dass er sich nicht um jedes Detail kümmern musste, also ohne Weiteres ein bisschen Evolution einfließen hat lassen. Und so was freut uns Ungläubige natürlich, dass die katholische Kirche dem Herrn ein bisschen Luft lässt.

Mit den Jahren aber verschlampte diese katholische Position in den strengen US-amerikanischen Kirchen, als gelte es, sie streng zu bekämpfen. Und nun hat Schönborn das eben ein bisschen nachjustiert, dass die katholische Kirche in etwa an Gott strikt festzuhalten gedenkt, auch wenn sie der Schöpfung etwas Freiraum lässt. Ich schätze, er hat der Schöpfung in seinem Kommentar 3 % Freiheit genommen.

Na gut, das kann ich ihm einräumen, da ich ja als gebürtige Nalber auch ein bisschen ein Retzer bin wie er. Es rührt mich sogar, dass er als Vorarlberger und Dominikaner ins verträumte weinviertlerische Retz kam, sich in das nachwuchslose Retzer Dominikanerkloster setzte und dort mit dem Retzer Turrini anfreundete, wiewohl dieser sicher auch recht kommunistisch und ungläubig war. So webt sich die Geisteswelt in den spätsommerlichen Weinlesetagen des Herrn . . . Ich war nie dabei, hab die nie gesehen, träume nur, wie es wäre, wenn ich auch wer wäre, und damit nach Retz fahren könnte.

Als ich 1970 im Meidlinger Kolpingheim wohnte in der Bendlgasse, da gab es eine Verköstigung dort. Und da standen plötzlich "Eingebrannte Kartoffel mit Retzern" oder "Kohlrabi mit Retzern" auf dem Speiseplan. Das waren Würste wie Klobasse, und die hab ich in meiner Kindheit in Retz niemals erlebt. Und auch seither nie wieder. Der Herr lässt also außer Pflanzen und Getier auch Würste aussterben. Diese Grausamkeit ist wahrscheinlich dem Schönborn ein Gräuel, weshalb er dem Geschöpften ein bisschen gottlosen Spielraum gestattet. Um diese Thematik jedenfalls schien es in etwa in dem New York Times-Artikel zu gehen.

Mir, als völlig gottlosen Menschen, hat daher die Meldung, dass Schönborn innerhalb des Glaubenkönnens so große Wellen schlug, ziemlich kalt gelassen, wenn ich auch stolz darauf war, dass ein Österreicher doch in etwa eine gläubige Vernunft positioniert.

Kann natürlich auch eine kleine vatikanische Pikanterie dahinterstecken, denn der neue Papst, den Schönborn seit dessen Wahl nun nicht mehr duzt, hat einen Bischof aus den USA zum neuen Glaubenspräfekten ernannt, wo doch auch unser Kardinal gebildet genug wäre, dieses Amt übertragen zu bekommen. Ist nun auch der Papst mit Schönborn per Sie? Das wissen wir alles nicht, aber wir Ungläubigen sind daran hoch interessiert, dass redliche Durchgeistigte vernünftig und intellektuell das Glauben verwalten.

Grundsätzlich stimme auch ich der Forderung Schönborns zu, dass die Frage, ob eine Gottheit das Universum schuf, rein philosophisch-logisch noch nicht beantwortet ist. Es ist also wissenschaftlich, wenn wir darin unsicher sind. Nur ich halt, für mich, bin sicher, und bin jederzeit bereit, zuzugeben, dass ich dies ideologischerweise bin. Es natürlich aber auch ideologischerweise geschieht, wenn der Vatikan fest darin beharrt, dass "der Herr" uns und alles schöpfte. Wir Ungläubige sind ja auch daran interessiert, dass der Vatikan und dessen Kirche humanistisch gehalten wird. Denn die Welt ist sowieso schon gottlos genug.

Und wenn wir schon bei der Gottheit sind, so möchte ich - rein wissenschaftlich - festhalten, dass es ja sein könnte, dass es zwar eine sich wissende Gottheit geben mag, aber weiß sie auch um und von uns? Ist ihr das wichtig?

Ich habe so viele Mäuse in meiner Wohnung, und wir haben einen Deal. Ich füttere sie, und sie lassen mich schlafen. Das heißt, wenn ich ihnen nichts zu fressen hinlege, schlagen sie neben meiner Bettstatt so viel Radau, dass ich munter werde, und ihnen freiwillig zu essen gebe. Aber wenn ich sie brav fütterte, dann schleichen sie auf Zehenspitzen um mein Bett herum, um mich nur ja zu schonen und zu erhalten. Diese hohe Intelligenz müssen wir unseren Mitgeschöpfen im Daseinsamt zubilligen. Und wenn die Gottheit um mich weiß, wieso soll sie meine Mäuse geringer erachten? Oder die Dickmaulrüssler/innen usw. usf . . .? Es könnte also eine Gottheit geben, die von sich und uns weiß, es könnte aber auch eine Gottheit geben, die nur von sich weiß und manchem anderen, aber über uns nichts wissen will, weil sie es so verfügte.

Und ich bin in dem Zustand, dass ich nur an einer Gottheit Interesse pflege, die mich und unser aller Ich-Kontinuität in alle Ewigkeit hegt und pflegt und jausnen lässt.

Rein folkloristisch bin ich natürlich begeistert davon, dass die Geistlichkeit einem Gotte zelebriert und zelebriert, wiewohl dieser sie eiskalt verhungern lässt: Das nenne ich stolzen, widerborstigsten Trutz. Aber sonst bleibt alles im philosophisch-wissenschaftlichen Feld. Kirche sein soll heißen, fest und ernst einer eventuellen Gottheit zuzuspielen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17. 7. 2005)

Hermes Phettberg ist "Falter"-Kolumnist, Ex-TV-Talkmaster ("Nette Leit-Show", Beichtvater Phettberg"), Buchautor ("Hundert Hennen", Druckhaus Galrev).
  • Artikelbild
    foto: standard/corn
Share if you care.