Wahrheit, Tugend, Menschlichkeit

22. Juli 2005, 12:41
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Philipp Blom erzählt die Geschichte der "Encyclopédie" neu

Eines der wichtigsten und größten Projekte der europäischen Geistes-, Kultur- und Buchgeschichte begann in einer Mansarde. Federführend daran beteiligt waren ein armer freier Schriftsteller und Übersetzer, der infolge einer Veröffentlichung im Gefängnis landen sollte; ein gescheiterter Musiker und Notenkopist, der kurz zuvor eine Streitschrift veröffentlicht hatte, in der er großspurig jene Gesellschaft verdammte, nach deren Anerkennung er sich verzehrte; ein weiß gepuderter, geckenhafter deutscher Sekretär eines Grafen; ein literarischer Journalist sowie ein überaus temperamentvoller Atheist und Amateurphilosoph mit hoher Stimme, der hundertmal mehr Geld besaß als die anderen vier zusammen. Ihre Namen: Denis Diderot, Jean-Jacques Rousseau, Melchior Grimm, Abbé Raynal und Baron Paul Henri Thiry d'Holbach.

Später stieß noch der unehelich geborene adlige Mathematiker Jean d'Alembert hinzu. Die Mansarde befand sich im Paris des Ancien Régime, in einer Stadt, die damals, Mitte des 18. Jahrhunderts, vor Spionen und Polizeizuträgern wimmelte, in der rigide Zensur herrschte und wo fast jedes zweite Buch illegal auf Druckerpressen hergestellt wurde, die alle zwei, drei Tage abgebaut und in einem anderen Versteck wieder aufgebaut wurden.

Autoren, die Kritik oder Spott ungehindert äußern wollten, ließen ihre Bände in Genf oder Holland drucken und, unter Strohballen verborgen oder in Heringsfässern versteckt, nach Frankreich schmuggeln. "Wie der edelste Teil der menschlichen Maschine, das Organ des Denkens", meinte Louis-Sébastian Mercier, "sich an dessen höchstem Punkt befindet, so nehmen auch Genie, Fleiß, Geschick und Tugend die oberste Region der Hauptstadt ein . . . Kaum ein berühmter Mann, der nicht in einer Mansarde begonnen hätte."

Und die fünf wurden tatsächlich berühmt. Aus der anfangs geplanten Übersetzung eines englischen Lexikons entwickelte sich die gargantueske Encyclopédie des Arts et des Métiers, die am Ende 28 Bände, davon elf Tafelbände, umfasste und 72.998 Artikel mit 20 Millionen Wörtern enthielt, die von hunderten von Autoren geschrieben worden waren. Zeitweilig waren 1000 Drucker, Kupferstecher, Zeichner und Buchbinder beschäftigt; somit profitierte fast jeder hundertste Pariser finanziell direkt oder indirekt davon.

Die Geschichte dieses Riesenwerkes erzählt nun Philipp Blom neu, erschöpfend und fesselnd. Er schildert, sich dabei auf wenig bekannte Quellen, Memoirenbände und Archivfunde stützend, das ebenso wunderliche wie wahnhafte Phänomen der großen Enzyklopädie der französischen Lumières, erzählt sehr plastisch, wie sie entstand, projektiert und geschrieben wurde, welche Widerstände sie nehmen musste, zwischenzeitlich fast verboten und nach fast 20 Jahren dann doch noch abgeschlossen wurde.

Intellektueller Leitsatz der nicht immer akkuraten, manchmal polemischen und anarchisch ausschweifenden, auch kuriosen Artikel der Encyclopédie war ein Satz Diderots, des verantwortlichen Herausgebers: "Man muß diesen ganzen alten Unfug ausrotten, die Schranken umstoßen, die nicht die Vernunft gesetzt hat, den Wissenschaften & Künsten eine Freiheit wiedergeben, die für sie so unersetzlich ist."

Reich wurden - wie so oft in der Weltgeschichte des Büchermachens - nicht die Autoren oder Herausgeber, sondern die Verlagsbuchhändler. So musste der von Blom sympathetisch gezeichnete wohlhabende Beiträger Louis de Jaucourt, der jahrelang ohne jedes Honorar gearbeitet und am Ende faktisch die Herausgeberrolle von Diderot übernommen hatte - bis zu sechzehn Stunden pro Tag diktierte er drei bis vier Sekretären bis zu sechs lange Artikel in die Feder -, eines seiner Häuser verkaufen. Neuer Besitzer wurde André-François Le Breton, sein Verleger.

Insgesamt, so rechnet Blom hoch, erzielten die Buchhändler und Verleger der Encyclopédie mit 4000 Subskribenten einen Reingewinn von umgerechnet 30 Millionen Euro. Nach dem Abschluss der Encyclopédie war Denis Diderot mehr als erleichtert, der ihn immer stärker drückenden Bürde enthoben zu sein. Er sehnte sich danach, wieder literarisch arbeiten zu können. In seinen letzten 19 Lebensjahren beschäftigte er sich intensiv damit, was er der Nachwelt hinterlassen würde und schrieb doch das allseits erwartete literarische Hauptwerk nicht, dafür noch heute taufrische Prosa.

Der Ertrag fast seines gesamten intellektuellen Lebens erschien ihm im Rückblick als vergeudet. Und so fiel sein Urteil über seine Mit- und Zuarbeiter auch überscharf, ja geradezu vernichtend aus: "Sie waren eine verächtliche Sorte Arbeiter; sie wussten nichts und meinten, alles zu wissen; sie versuchten, sich durch eine Universalität hervorzutun, die einen zur Verzweiflung treiben konnte, da sie sich auf alles warfen, alles ruinierten, alles verdarben und ihre riesige Sichel an anderer Leute Ernte legten.

Die Encyclopédie war eine Grube, in die diese Lumpensammler unendlich viele Dinge hineinwarfen, die schlecht beobachtet, halb verdaut, gut, schlecht, verächtlich, wahr, falsch, ungewiss und immer völlig zusammenhanglos waren."

Seine Selbstzerfleischung mag echt gewesen sein, die Aussage ist aber grundfalsch. Auch auf ihn war die Ermahung von D'Alemberts Mutter gemünzt: "Du wirst nie etwas anderes als ein philosophe sein", fuhr sie ihren Sohn an, " und was ist ein philosophe? Ein Irrer, der sich sein Leben lang quält, damit die Menschen über ihn reden, wenn er tot ist." Über Denis Diderot, der sich mit der Enzyklopädie lange so sehr quälte, wird - und das belegt das Buch Philipp Bloms ebenso geist- wie gehaltvoll - heute nicht nur immer noch geredet, er und die anderen philosophes erscheinen quicklebendiger denn je. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 16./17.7.2005

Von Alexander Kluy

Philipp Blom
Das vernünftige Ungeheuer.
Diderot, D'Alembert, de Jaucourt und die Große Enzyklopädie.
Aus dem Englischen von Michael Bischoff.
€ 30,-/472 Seiten mit zahlr. Abb.
Eichborn, Frankfurt/Main 2005.
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    buchcover eichborn
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