Strebet nach den schönen Gaben

22. Juli 2005, 12:39
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Neues von Sappho, Europas erster Dichterin

Plato nannte sie die zehnte Muse. Catull übersetzte ihre Verse ins Lateinische. Horaz brauchte nicht einmal ihren Namen zu nennen: Seine Leser wussten auch so, von wem er sprach, wenn er schwärmte: "Spirat adhuc amor/ vivuntque commissi calores/ Aeoliae fidibus puellae." ("Noch immer atmet die Liebe, noch leben die Feuer, die das äolische Mädchen ihren Saiten anvertraut hat.")

Als Horaz diese Verse schrieb, war Sappho bereits mehr als 500 Jahre tot, aber die durch den Hellenismus geprägten römischen Dichter waren von ihren Gedichten offenbar so fasziniert, dass sie es sich zur Aufgabe machten, auch im Lateinischen "äolische Lyrik" zu schreiben. Äolisch war zunächst einmal der griechische Dialekt, in dem die auf der Insel Lesbos geborene Sappho ihre Werke schrieb, zugleich aber war mit dieser Sprache auch eine bestimmte Art von Versmaßen verbunden, die Catull und Horaz dann nachahmten.

Was blieb uns von dieser ersten Dichterin des Abendlandes? Der Zufall der Überlieferungsgeschichte wollte es, dass wir zwar über 200 Fragmente haben, großteils in so genannter indirekter Überlieferung, das heißt einzelne Verse, die, aus dem Zusammenhang gerissen, bei anderen Schriftstellern zitiert werden, was die Wertschätzung für Sappho in der gesamten Antike eindrucksvoll belegt; an ganzen Gedichte allerdings kannte man in der Neuzeit bis vor Kurzem nur drei.

Nun wurde auf einem Papyrus ein weiteres Gedicht entdeckt, von dem bisher nur einige Wortfetzen bekannt waren. In Anbetracht der geringen Anzahl vollständiger Gedichte kann man hier durchaus von einem Jahrhundertfund sprechen. Das neu entdeckte Gedicht (auf einem offenbar in der Antike "recycelten" Papyrus, der als Kartonage eines Mumiensarges diente) besteht aus zwölf Versen (sechs Verspaaren), und auch wenn an einigen Stellen ein paar Wörter fehlen, kann man doch von einem (fast) vollständig erhaltenen neuen Gedicht der großen Meisterin sprechen. Im Folgenden der Text des neuen Sappho-Gedichts (in der vom Oxforder Altphilologen Martin West ergänzten Fassung) und eine annähernd wörtliche Übersetzung:
Ihr, Mädchen, strebet nach den schönen Gaben der veilchengewandeten Musen und nach der hell klingenden Leier, die den Gesang liebt. Mir aber hat schon das Greisenalter die Haut, die einst so zart war, ergriffen, und weiß ist das ehedem schwarze Haar geworden. Schwermütig ward mir der Sinn, und nicht mehr tragen mich die Knie, die doch einst flink waren beim Tanze, gleich den Rehen. Dies beseufze ich oftmals; jedoch, was kann ich tun? Nicht zu altern ist dem Menschen unmöglich. Einstmals, so heißt es, habe ja auch die rosenarmige Eos, von Liebe bezwungen, Titho bis ans Ende der Welt getragen, ihn, der schön war und jung; aber dennoch erfasste ihn mit der Zeit das graue Alter, wiewohl er eine unsterbliche Gattin hatte.

Thema des Gedichts ist also die Unausweichlichkeit des Alterns. Angesprochen sind vermutlich die jungen Mädchen aus dem (literarisch-musischen) Zirkel, dessen Mittelpunkt Sappho bekanntermaßen war. Vor diesem Hintergrund ist es durchaus wahrscheinlich, dass aus dem lyrischen Ich die Dichterin selbst spricht. Wie wir auch aus anderen Sappho-Versen wissen, verließen immer wieder Mädchen diese Gemeinschaft, um zu heiraten; andere folgten an ihre Stelle nach: Der Kreis junger Mädchen, den sie um sich hat, bleibt gewissermaßen ewig jung - umso stärker fühlt sie selbst ihr Älterwerden.

Die Unausweichlichkeit dieses Schicksals wird am Schluss durch ein mythologisches Exempel verdeutlicht: Eos (lat. Aurora), die Göttin der Morgenröte, verliebte sich dereinst in den Sterblichen Tithonos und erflehte für ihn beim Göttervater Zeus die Unsterblichkeit.

Die Bitte wurde ihr gewährt, allerdings hatte sie vergessen, auch um ewige Jugend für ihren Geliebten zu bitten. So wurde er - im Gegen- satz zu ihr, der Göttin - immer älter, welkte dahin und verschrumpelte, bis er sich schließlich in eine Zikade verwandelte. Wenn nicht einmal eine Göttin dies verhindern konnte, was soll da ein Mensch gegen dieses Schicksal tun?

Für das Sappho-Bild in der Wissenschaft mag das Gedicht wenig Neues bringen, es rechtfertigt nur einmal mehr die herausragende Stellung, die die Dichterin schon in der Antike einnahm. Den heutigen Leser berührt, wie auch in Sapphos anderen Gedichten, vor allem die Unmittelbarkeit der Gefühle, die tiefen Empfindungen, die aus diesen Versen sprechen. Wer sich beim Lesen dieser Zeilen vor Augen hält, dass sie vor rund 2600 Jahren geschrieben wurden, wird sich einmal mehr der Zeitlosigkeit der Conditio humana bewusst. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 16./17.7.2005)

Von Christian Goldstern
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