Auf den Leib geschrieben

28. Juli 2005, 12:42
1 Posting

Einst Symbol für aufmüpfige Jugendliche, ist das T-Shirt mittlerweile auf dem Weg zum modischen Einheitsbrei. T-Shirt-Shops im Test

Einst Symbol für aufmüpfige Jugendliche, ist das T-Shirt mittlerweile auf dem Weg zum modischen Einheitsbrei. T-Shirt-Shops im Test. Wer mit dieser Oberbekleidung noch ein persönliches Statement abseits des Mainstreams abgeben will, hat es gar nicht so einfach, meint Monika Sperber.


Als das T-Shirt zu Beginn des Ersten Weltkrieges als leichte, angenehme Unterbekleidung dem Vorgänger aus Wolle den Rang ablief, hätte niemand dem neuartigen Kleidungsstück diese herausragende Karriere vorhergesagt. Die ersten Jahrzehnte blieb es auch artig unter Hemden und Pullis verborgen. Doch dann kam 1955 James Dean und mimte in Jeans und Unterhemd den unerreichbaren Rebellen, brach Millionen Frauenherzen, und Millionen Männer taten das Gleiche - zumindest, was das Outfit betraf. Die Sternstunde für die T-Shirt-Industrie brach an, und bis heute gehören Jeans und T-Shirt zum Standard-Freizeitoutfit von jedermann und jederfrau.

Die ehemals unifarbene - zumeist weiße - Baumwolloberbekleidung ist heute in allen Variationen, Schnitten und Mustern zu haben und teilt ihr Schicksal mit anderen bahnbrechenden Modetrends: Das einstige Symbol gegen die Uniformiertheit ist nach all den Jahren selbst zur "Uniform" mutiert. Seit Jahrzehnten wird es von allen Mainstreamketten, aber auch von den großen Designern hergestellt.

Doch langsam wächst eine Gegenbewegung mit Shirt-Shops heran, die vorwiegend Einzelstücke oder Leiberln in limitierter Auflage von zumeist (noch) wenig bekannten Jungdesignern führen. Ob mit politischen Kommentaren à la "Linke Emanze", provokanten Sprüchen oder rotzigen Illustrationen - eine Reihe viel versprechender Modemacher versteht es, Zeitgeist und Weltanschauungen zu Stoff zu bringen. Die sollte man gesehen haben.

Die Kriterien

Alle ausgewählten Shops bieten T-Shirts - vorwiegend von Jungdesignern - in limitierter Stückzahl oder Einzelstücke an. In den meisten Fällen sind T-Shirts das Herzstück des Verkaufes, vielen Shops wird man aber mit dieser notwendigen Reduzierung nicht gerecht. Da Kreativität bei allen getesteten Geschäften eine große Rolle spielt, gestaltete sich die Bewertung, die nicht auf Geschmacksfragen reduziert werden sollte, schwierig. Verglichen wurden daher vor allem quantitative Aspekte wie Öffnungszeiten, Auswahl Männer/Frauen/Kinder, Angebotsfülle, Ambiente des Shops und die Frequenz neuer T-Shirt-Lieferungen. Die Preise sind zur Orientierung angeführt, stellten aber kein Bewertungskriterium dar, da es sich um künstlerische Leistungen handelt. Ebenso die überwiegend vorherrschende Fair-Trade-Philosophie beim Einkauf und der Freundlichkeitsfaktor - hier gab es bei fast allen getesteten Shops höchste Qualität und viele ungewöhnliche, humorige Geschichten zu den einzelnen Shirts oder Designern und Designerinnen. Entsprechend knapp liegen einige Bewertungen - 10=Top, 0=Flop - beieinander.
Die Ergebnisse

Disaster Clothing (www.disasterclothing.at)
7., Kircheng. 19; Mo, Di, Mi, Fr 12-19, Do 12-21, Sa 12-19 Uhr Preise: 29-150 €
Ob mit verfremdeten Gemälden, frechen Sprüchen, floralen Elementen oder Plastiktieren - "Disaster Clothing" kann mit einer Riesenauswahl punkten. Spanische Designerstücke wie etwa Paramito, Skunk funk oder das oft kopierte, ursprünglich aus dem Vintage-Bereich kommende Designerduo Custo im höheren Preissegment reihen sich neben italienischen und österreichischen Kreationen in den unterschiedlichsten Schnitten für Sie und Ihn. Im Repertoire finden sich politisch-sexistische Seitenhiebe - z. B. "Cut the bush" mit nackter Frau - ebenso wie "Elvis forever" oder persiflierte Heiligenmotive. Der besondere Fokus: ausgefallene, bunte Shirts. Neue Stücke gibt's fast wöchentlich. Punkte: 9,6
Gloom
(www.gloom.at)
7., Neubaugasse 75; Mo-Fr 11-19, Sa 11-17; Preise: 19,50-58 €
"Mother's Nightmare" oder "Zornröschen" - das "Gloom" bietet eine Fülle von T-Shirts für Babys und Kinder fernab von rosa-blauen Liebkinderträumen. Auch sonst zeigt der einstige Gothic-Shop, der jetzt helle Wände und bunte Shirts hat, Bös-Schräges, zum Beispiel "Heimchen am Herd"-Shirts, "Viva la Hausfrau" mit geflügeltem Totenkopf, "Wien ist fad"-Leiberln oder "Schaf im Wolfspelz" für Ihn. Rund 30 Designer und Designerinnen - vorwiegend aus Österreich - führen augenzwinkernd ihr Können vor. Um nur einige zu nennen: Knallfrosch, Hanes, Amberella, Emily, Elke Freitag oder melange. Nachschub kommt wöchentlich. Eine andere witzige Idee, die "Gloom" anbietet: Shirts zum Selberbasteln - mit Buchstaben, auf Klettverschlussbasis. Wer dieses Geschäft nicht mit einem Lächeln verlässt, der/dem ist nicht mehr zu helfen. Punkte: 9,4 tog up (www.togup.at)
7., Siebensterngasse 41; Mo-Fr 10-19, Sa 10-18; Preise: 30-39 €
Im kleinen, hellen "tog up" ist der englische Humor zu Hause. Rund 60 Prozent des Angebotes kommen aus England, den Rest bestreiten österreichische Designer, Tendenz steigend. Duffshirts, withit, die humorigen österreichischen Designerinnen "Weiberwirtschaft" oder das (meistverkaufte) Label "Map" können hier von beiden Geschlechtern erstanden werden. Der Megaseller ist ein Map-Shirt mit drei Fischen. Neben vielen Comicmotiven regen auch Text-Leiberln zum Schmunzeln an, zum Beispiel ein "Bugglpisten"-Shirt für Frauen, "Papa Mobil" oder das provokante "Muslim Cut" mit angenähtem Kopftuch an der Rückseite. Neue Modelle kommen je nach Output der Designer und Designerinnen. Punkte: 8
Merchzilla (www.merchzilla.com)
6., Gumpendorfer Str. 118; Mo-Sa 12-18 oder nach telefonischer Voranmeldung; Preise: 6-35 €
Durch einen Skatershop geht es die Stufen abwärts in ein altes Kellergewölbe mit abblätterndem Verputz zum Retail-Store von Merchzilla. Hinter diesem Namen verbirgt sich die innovative Firmenidee "Shirts on Demand" von Schönheitsfehler-Frontman Milan Simic. Er produziert auch Kleinstaufträge oder Einzelstücke. Das erfrischende Ergebnis: Wienerisches, etwa "Praterstrizzi", "Blume aus dem Gemeindebau" oder das Wiener-Brut-Label mit brennendem Wien-Wappen. Auch sonst zeigt sich Merchzilla nicht zimperlich - aus dem Starbucks- wird ein "Starfucker"-Logo, "Schwul/Ausländer/Brillenträger"- und Peacebomb-Shirts sind günstig zu haben. Ein Shop für junge, hippe Menschen. Punkte: 8
Polyklamott (www.polyklamott.at)
6., Hofmühlgasse 6; Mo-Fr 11-19.30, Sa 11-17; Preise: 14-32 €
Zwischen den 2300 Secondhand-Stücken dieses Ladens wurde auch eine Ecke für neue, künstlerische Shirts eingerichtet. Die jungen Designer kommen zum Teil von der Universität für angewandte Kunst bzw. der Akademie der bildenden Künste oder sind Autodidakten mit originellen Ideen. "Wir unterstützen Leute, die das erste Mal designen", so das Credo von Polyklamott. Rund zwanzig Kreative, außer aus Wien u.a. aus Berlin oder Oregon, präsentieren ihre Modelle. Auch Retrostücke gehören dazu. Die kleine Palette reicht dabei vom Einkaufstaschen-T-Shirt der Designerin Elfriede über Momentaufnahmen eines Teilchenbeschleunigers und die ihre Muskeln zeigende Ameise "Working Class Hero" bis zum Kartoffeldruck. Neue Ware gibt's im Übrigen laufend. Punkte: 7,2
Außer Konkurrenz:
Buntwäsche
(www.buntwaesche.at)
16., Haberlgasse 71; Besuch gegen Voranmeldung (Tel. 06991/944 07 89); Preise: 28-38 €
Trotz Juli-Sommerpause wäre es schade, den Shop der Modemacherin Melanie de Goederen nicht zu erwähnen. Allein der innovative Internetauftritt macht Lust auf mehr und lädt ein, mithilfe eines Baukastensystems selbst kreativ zu werden - mit einem Pinsel zum Kolorieren, einer Schere zum Verändern der Ärmellänge und einer Reihe von Druckmotiven, darunter etwa auch Kritzelzeichnungen. Bestes Online-Shopping mit 19,828.800 möglichen Designs. Die zweifärbigen Kreationen gibt's für Erwachsene und Kinder. (DER STANDARD, Printausgabe vom 16./17.7.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.