Zeigen, wo Gott wohnt

15. Juli 2005, 19:00
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Aus der Serie "Perlen deutschen Polit-Humors", unter besonderer Berücksichtigung des Ösi-Witzes - Kommentar der anderen von Peter A. Ulram

Mitunter sind es scheinbare Kleinigkeiten, die ein bezeichnendes Licht auf größere Zusammenhänge und Verhältnisse werfen. Im konkreten Fall eine im profil (vom 11. 7. 05) berichtete Äußerung des deutschen (Noch-) Außenministers Joschka Fischer über die österreichische Außenministerin: "Fischer stellt vor Journalisten schmunzelnd die Frage, ob die neue Kollegin wirklich etwas tauge oder bloß ,Schüssels Freundin' sei."

Zum einen fällt ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnis mancher deutscher Politiker zu Österreich. Notabene nicht zum ersten Mal: Was Joschka vom kleinen Nachbarn (und für Humor) hält, hat er schon mehrfach unter Beweis gestellt, etwa mit dem Hinweis auf die hypothetische Entsendung eines "Flugzeugträgers Kaiser Franz Joseph" in den Indischen Ozean. Bruhaha - militärisches Nullum, rückwärts gewandtes Land, nun halt die Blondine, über deren fachliche Qualifikation man nichts weiß und der man daher flugs etwas anderes unterstellt.

Schmunzelnd natürlich, ein kleiner Scherz auf Kosten anderer. Man hat ja (als rot-grüne Regierung) in Deutschland schon lange nichts mehr zu lachen, da kann man sich über die "Ösis" umso leichter auslassen. Wo sich die ohnehin erfrechen, wirtschaftlich erfolgreicher zu sein als die Deutschen und nicht einmal Skandale im Außenministerium `a la Visa-Vergabe haben. Da kann ein wenig zündeln nicht schaden.

Ähnlicher Humorismus über weibliche Minister in den USA (z. B. taugt Condy Rice etwas oder ist sie bloß . . .), Frankreich oder Großbritannien sind charakteristischerweise nicht bekannt. Dort geht man die Dinge "ernsthafter" an - durch politische Kritik (USA, Großbritannien) oder durch betretenes Schweigen (um Schröders gutem Freund Putin nicht auf die Zehen zu treten). Fischer erweist sich damit als genuiner Repräsentant deutsch-grüner Radfahrermentalität: nach oben buckeln, nach unten treten.

Über das Verhältnis von Joschka Fischer zu Frauen in politischen Führungspositionen gäbe es noch so manches zu sagen, ging ihm doch schon "Ferrero-Waldner auf die Nerven" (profil, ebenda). Blöde Weiber halt, blöde österreichische Weiber, blöde österreichische Weiber aus dem falschen politischen Eck. Da eignen sich abfällige Bemerkungen geradezu ideal, um zu zeigen, wo Gott wohnt.

Was natürlich eine unfaire Unterstellung ist: Grüne männliche Politikstars, vor allem deutsche grüne männliche Politikstars tun so etwas selbstverständlich nicht. So etwas tun nur italienische liberal-konservative männliche Politikstars (z. B. Silvio Berlusconi). Über die wir uns dann selbstverständlich ordentlich aufregen müssen.

Womit wir beim zweiten Licht wären - jenem, das auf die mediale "Erregungskultur" fällt, sprich: worüber man (frau) sich medial erregt und worüber nicht. Im Unterschied zu den Äußerungen anderer, die man ihnen noch nach Jahren um die Ohren schlägt (Stichwort: Amsterdamer "Frühstücks-Affäre"), geben die Sager von Joschka Fischer über österreichische Diplomatinnen mit jahrzehntelanger beruflicher Qualifikation offenbar keinen Anlass zu medialer Empörung. Quod licet Jovi . . .?

Der letzte Lichtstrahl (be)trifft einen Spezialaspekt des rot-grünen Debakels in Deutschland: das hohe Maß an Selbstüberschätzung, Hochmut und Arroganz, das die beiden Hauptakteure Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer bei allen sonstigen Differenzen stets zutiefst verbunden hat. Die große Klappe, die Selbststilisierung als große Macher, moralische Instanz und Weltpolitiker, auch dann noch, als es ihnen daheim und jenseits der Grenzen (fast) niemand mehr abgenommen hat.

Was wohl auch der Grund dafür sein dürfte, dass sich die Bedauernskundgebungen über ihr Scheitern durchaus in Grenzen halten. (DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.07.2005)

Zur Person

Peter A. Ulram ist Dozent für Politologie an der Uni Wien und Leiter der Sozialforschung bei Fessel-GfK.

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